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Schlechte Nachrichten gibt es noch immer zuhauf: „WortSinnWeisen“ bringt Tucholsky auf die Bühne
Foto: Benjamin Trilling

Gute Zeilen, schlechte Zeiten

20. Dezember 2015

Kurt-Tucholsky-Revue am 18.12. im Bahnhof Langendreer – Bühne 12/15

Was er wohl uns ZeitgenossInnen in einem Brief geschrieben hätte? „Gruß nach vorne“ ist ein fiktiver Brief betitelt, den Tucholsky 1926 in der Weltbühne unter dem Pseudonym Kaspar Hauser an den „Lieben Leser 1985“ adressierte. „Fragen werden von der Menschheit nicht gelöst, sondern liegen gelassen“, heißt es darin ziemlich pessimistisch. „Selbstverständlich habt Ihr fürs tägliche Leben dreihundert wichtige Maschinen mehr als wir, und im übrigen seid Ihr genau so dumm, genau so klug, genauso modern wie wir. Was ist von uns geblieben?“

 

Ja, diese Frage stellt sich zwangsläufig, als die Theatergruppe „WortSinnWeisen“ den Tucholsky-Text im Bahnhof Langendreer vorträgt. Man wähnt ihn als Zeitgenossen. Nicht zuletzt liegt das aber auch an der munteren Bühnenperformance von Angie Buballa, Brigitte Sonntag, Felix Zulechner – ein runder Tucholsky-Abend mit Theater und Musik. Da sind die heiteren und nachdenklichen Dialoge über Liebe und Ehe, Absurditäten des Alltags oder esoterische Nonsens-Weisheiten der akademischen Elite, die der Satiriker auf die Schippe nimmt.

 

Doch es sind sind vor allem die politischen und gesellschaftskritischen Texte des Journalisten und Schriftstellers, die aktueller denn je sind. Sein Lebenslauf, der Zeitraum, in dem sich der noch heute kontroverse Linksintellektuelle, dessen Todestag sich am 21. Dezember zum 80. Mal jährt, einmischte, wird immer wieder kurz umrissen: nachdem er in den 20er Jahren für renommierte Zeitschriften schrieb und zu einem der bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik avancierte, floh er Anfang der 30er Jahre ins Exil. Seine Texte und Bücher gehörten zu den ersten, die von den Nazis öffentlich verbrannt wurden.

 

Wie sein großes Vorbild Heinrich Heine versuchte der Pazifist und Sozialist, die Öffentlichkeit mit politisch engagierten Texten aufzumischen: so warnte er nicht nur vor den Faschisten, sondern prangerte schon frühzeitig Militarismus, Krieg aber auch das liberale bis reaktionäre Establishment der ersten deutschen Republik an. Er war der„kleine dicke Berliner“, der, wie sein Dichterkollege Erich Kästner damals schrieb, „mit der Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten wollte.“

 

Tucholsky wurde, auch wenn er sich nicht der Kriegsbegeisterung wie viele andere anschloss, selbst im Krieg eingesetzt. Die Schrecken kontrastierte er in seinem Text mit der Aufbruchstimmung in den „roaring twenties“ der Weimarer Republik: „ich mußte meinem Kollegen vom „Oeuvre“ das Seitengewehr durchs Gesicht ziehen, und ich hatte dafür zu sorgen, dass die schöne Frau Landrieu ihren Mann nicht mehr zu sehen bekam. In jenen Jahren. Das war meine Pflicht, das war ihre Pflicht.“

Genauso warnte er vor dem Erstarken der Rechten in Deutschland. Am Ende behielt er Recht. Vor dem Hintergrund von Pegida und AfD, dem Comeback populistischer Rechtsparteien und einer zunehmend brutalen Flüchtlingspolitik wirken noch so manche Verse von Theobald Tiger und Co. aktueller und brisanter denn je: „Jeder soll kaufen. Niemand kann kaufen./ Es rauchen die völkischen Scheiterhaufen./ Es lodern die völkischen Opferfeuer:/ Der Himmel sei unser Konkursverwalter!/ Die Neuzeit tanzt als Mittelalter./ Die Nation ist das achte Sakrament –!/ Gott segne diesen Kontinent.“

Recht hat er – immer noch gute Zeilen in nach wie vor schlechten Zeiten. Oder, wie er sich höflich in seinem Brief von uns verabschiedet: „Ja, die Hand will ich dir noch geben. Wegen Anstand. Und jetzt gehst du. Aber das rufe ich dir noch nach: Besser seid Ihr auch nicht als wir und die Vorigen. Aber keine Spur, aber gar keine.“

Benjamin Trilling

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