Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
12 13 14 15 16 17 18
19 20 21 22 23 24 25

12.634 Beiträge zu
3.856 Filmen im Forum

Foto: Thomas Dahl

Bis zur Neige

16. Juni 2025

„Der Durst“ von Thomas Dahl – Literatur 06/25

Etwa drei Tage kann ein Mensch ohne Flüssigkeit überleben. Diese existenzielle Dringlichkeit macht den Durst zu einem Sinnbild des Begehrens. In Thomas Dahls neuem Band mit Gedichten und Kurzprosa ist „Durst“ die zentrale und titelgebende Metapher. Deren Ambivalenz zwischen destruktiver Gier und produktivem Trieb spiegelt sich schon in den Versen wider, die der Autor seinen Texten vorangestellt hat: „Der Durst speist Welten / reißt Gräben in seltene Erden / stößt neuen Quell ins zögernde Licht / Trinkt ihr seltsamen Wesen / Trinkt was euch stützt und trinkt / was euch wieder bricht.“

Oft unterstreicht die grafische Gestaltung der Gedichte die inhaltliche Aussage, wie in dem Kurzgedicht „Eigentlich“, wo die längste Zeile „wieder rückwärtsrollend“ gleichzeitig den Wendepunkt markiert. Die Geworfenheit ins Sein und die Sehnsucht nach einem Urzustand, in dem noch alles möglich schien, sind hier aufs äußerste verdichtet. Sichtbare Streichungen lassen die Leser am Entstehungsprozess der Texte teilhaben. Manchmal widersprechen sich Optik und Aussage bewusst, wie in der Schlusszeile von „Oderaber“: „Das Nichts so groß, die Zeit, bleibt Klein.“

Manchmal sind es nur wenige Zeilen, in denen (Sehn-)Sucht, Einsamkeit, Sinnsuche oder sexuelles Verlangen Platz finden. In „Oderaber“ öffnet der Alkohol den Raum für den Möglichkeitssinn des Schreibenden. Hier unternimmt Dahl mit dem Konjunktiv II utopische oder dystopische Kurztrips in die Zukunft. In dem Gedicht „Eins“ lotet er das dystopische Potenzial der Möglichkeitsform aus, die als „Irrealis“ gleichzeitig die sprachliche Gestalt verpasster Chancen ist. Ob am Ende die Hoffnung steht oder die Hoffnung endet, bleibt in der Schwebe: „Etwas endet / Immer / Ein Wort, ein Tag, ein Schluck, ein löchriges / Heim / Ein vager Schimmer.“

Thomas Dahl: Der Durst | BoD – Books on Demand | 116 S. | 19,99 Euro

Priska Mielke

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Neue Kinofilme

Checker Tobi 3 – Die heimliche Herrscherin der Erde

Lesen Sie dazu auch:

Vom Kassettendeck Ins Rampenlicht
Drei ???-Vollplayback in der Christuskirche in Bochum

Spürt die Romantik
Eichendorff-Lesung am Dortmunder Roto Theater

Zwischen damals und heute
Emily Marie Lara in der Düsseldorfer Zentralbibliothek

Bewusst blind vor Liebe
„Mama & Sam“ von Sarah Kuttner – Literatur 01/26

Beziehungen sind unendlich
„Schwarze Herzen“ von Doug Johnstone – Textwelten 01/26

Thriller unter dem Sternenzelt
„Todestrieb“-Lesung im Bochumer Planetarium

Jenseits des Schönheitsdiktats
„Verehrung“ von Alice Urciuolo – Textwelten 12/25

Nicht die Mehrheit entscheidet
„Acht Jahreszeiten“ von Kathrine Nedrejord – Literatur 12/25

Power Kid
"Aggie und der Geist" von Matthew Forsythe – Vorlesung 11/25

Allendes Ausflug ins Kinderbuch
„Perla und der Pirat“ von Isabel Allende – Vorlesung 11/25

Inmitten des Schweigens
„Aga“ von Agnieszka Lessmann – Literatur 11/25

Die Liebe und ihre Widersprüche
„Tagebuch einer Trennung“ von Lina Scheynius – Textwelten 11/25

Literatur.