Irgendwo im Land der Zwiebeln träumt sich ein Mann durchs Leben, eine Handvoll Geister begleiten ihn dabei, rauben seine Persönlichkeit, spielen seine Spiele, leben seine Träume, treiben ihn durch die Welt. Intendant Kay Voges inszeniert in Dortmund Ibsens „Peer Gynt“, losgelöst von skandinavischem Mythos, eingebettet in einen New Yorker Soundteppich, in einem Wasserbecken für Schwimmanfänger, das einem Waschzuber für Seelen gleicht.
Gynt, der „Faust des Nordens“, ist in Dortmund eher ein Gleichnis für Variabilität des Geistes, für die mehrspurige Autobahn durchs Leben und die unzähligen Möglichkeiten, die das Leben dem verbirgt, der sich partout nicht darauf einlassen will. Dazu gibt eine filettierte 90 Minuten-Handlung vom Feinsten, ein kühner Strich durch Henrik Ibsens Meisterwerk, der von der Idee beherrscht wird, dass kein Geist so solitär ist, wie er selber glaubt, das Unterbewusstsein und Über-Ich mehr sind, als es sich selbst der Loser Peer vorstellen mag. Dabei wird man zurückversetzt in die 1970er Jahre der Velvet Underground. Die Zeitmaschine dafür ist der Musiker Thomas Truax, der „Peer Gynt“ im Background aus einer erhöhten Box begleitet, die Soundeffekte steuert und einfühlsame Balladen auf seinem höchst interessant elektrifizierten Dobro „beisteuert“, und das ist angesichts der Effektmaschinen sicher wörtlich zu nehmen.
Der sechsfache Peer rast in atemberaubenden Tempo durch die Handlung, Szenen und Textpassagen als serielle Performance sind Voges dabei wichtiger als eine stringente Handlung, die auch der Ibsen-Unwissende verfolgen könnte. So what, die Essenz, das trollige Wesen braucht keinen Zusammenhang, denn der rote Faden, Peer Gynts Taumel durch die Welt, bleibt gewahrt, und wenn eine Menge Wasser gespritzt hat, viel Seelenschmerz abgewaschen wurde, dann ist es natürlich die elfenhafte Solveig, die ihn am Ende rettet, das ewig Weibliche. Genau, hier finden sich die alten Geister Goethe und Ibsen im Ergebnis.
Weil er glaubt, er selbst zu sein, gibt der junge Träumer alles auf. Sicherheit, Zukunft, die Gesellschaft. Dass er Ingrid, die reiche Braut, die ihn will, aber einen anderen heiratet, vor deren Hochzeit entführt und von der Dorfgemeinschaft gejagt wird, schenkt sich Voges. „I Can't Get NoSatisfaction“ von den Stones intoniertThomas Truax folgerichtig von oben, die Regie zeigt zu Beginn gleich die Szene, in der Peer Ingrid wieder verstößt. Sie ist mit signalroter Farbe beschmiert, hat sich das Brautkleid auf der Flucht ziemlich eingesaut: ein schöner Bogen zur Trollgeschichte mit der (grün eingesifften) Prinzessin. Da hat Peer Gynt längst Mutter Aase und Solveig, die ihn aufrichtig liebt, verlassen. Der Chor der Peers trieb ihn in die Welt, der Chor, der er selbst ist, ob Männlein und Weiblein, dieser Chor muss sich ständig waschen, muss Schicht um Schicht vom Gesicht reiben, in der Hoffnung, darunter das zu finden, was Peer Gynts Selbst ist. Die ganze Bühne ist für diesen zentralen Mechanismus geflutet, doch irgendwie und irgendwann scheint sich sein Motto, sich immer ein Hintertürchen offenzuhalten, gegen ihn zu wenden.
Nichts scheint von Bedeutung, nichts scheint wichtig, nichts kann ihn auf Dauer befriedigen, sein Leben verrinnt im Kinderbecken, den Krummen versteht er nicht. Voges baut hier auch ein bisschen finanzpolitische Zeitkritik ein, ein wenig europäische Asylpolitik. Nichtsdestotrotz, sein Ich verirrt, sein Körper gefoltert im Kairoer Irrenhaus, Peer macht sich auf den Heimweg und trifft sein Schicksal – eben sich selbst. Und das in Form des Knopfgießers, der nun sein unzulängliches Wesen einfordert. Die Figur konzentriert sich jetzt auf Uwe Rohbeck, der den „Zwiebel“-Monolog auf Mutter Aases Sarg zelebriert, der sich quält und windet, doch noch das Herz des Lauchgewächses zu entdecken. Vergebens, wie wir wissen, Peer durchrast seine Psyche noch einmal, die Farben seines Selbst blättern. Am Ende sucht er nur noch Trost bei Solveig, denn nur sie, die ihn als einzige liebt, kann das Rätsel seines Selbst lösen. Was bleibt, ist Glaube, Hoffnung und Liebe, und dafür muss man das nordische Märchen tatsächlich nicht kennen, das hat Kay Voges mit seiner performativen Inszenierung bewiesen. Ob es Ibsen gefallen hätte?
„Peer Gynt“ I Sa 2.11. 19.30 Uhr I Theater Dortmund I 0231 502 72 22
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