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„Don Quijote“
Foto: Birgit Hupfeld

Sechs Hippies und eine Windmühle

27. April 2017

„Don Quijote“ am Theater Oberhausen – Theater Ruhr 05/17

Lesen macht blöde, das wissen wir spätestens seit Cervantes‘ „Don Quijote“. Nachdem der edelmännische Caballero zu tief in die Abenteuerromane seiner Zeit eingestiegen ist, verwechselt er Realität und Fiktion. Die Folgen sind bekannt: Windmühlen, fiktive Geliebte etc. Dass im adeligen Wahnsinn dabei auch ein paar Viehhirten und Bauern ihr Leben lassen müssen, wird meist übersehen. Cervantes‘ Spiel mit der Imagination, sowohl auf Seiten der Hauptfigur wie auf Seiten der Leser, stellt das Theater vor die Frage der Illusionierung. Bebildern oder nicht, den Wahn als Bühnenrealität behaupten oder nicht? Ist letztlich nicht jede Inszenierung ein temporärer Don Quijotischer Irrsinn?

Regisseur Thomas Fiedler rechnet zunächst den illusionierenden Großkonflikt herunter zu Live-Hörspiel mit Musik. Die Musiker Anton Bermann und Nico Stallmann betreten mit sechs Hippies in Fransenjacke, Häckelkleid oder ärmelloser Lederweste die Vor-Bühne. Thieß Bramer gibt den Vorbeter und wirft sich etwas selbstverliebt in die Bandleaderpose als Erzähler. Allmählich schälen sich Figuren heraus: Torsten Bauer gibt mit Schnauben und klatschendem Lederriemen eine glaubwürdige Rosinante, Anja Schweitzer schlüpft in die Rolle des Don Quijote und Klaus Zwick mimt einen angenehm zurückgenommenen Sancho Pansa. So geht es in die Kneipe, in der der Titelheld vom Wirt zum Ritter geschlagen wird. Doch schon beim ersten Abenteuer bekommt Don Quijote derart eins über den Schädel, dass er zerschlagen nach Hause taumelt. Janna Horstmann und Peter Waros zetern als Verwandte und Personal, was die Stimmbänder hergeben.

Dann erhöht die Regie die Illusionsdosis mit Hilfe des TheaterPuls. Auf einem bühnenbreiten Screen über der Vorbühne instrumentieren Schattenspiele das Geschehen: Kutschen, Pferde, Edelmänner und -frauen ziehen vorbei, Windmühlen drehen sich. Das spielt beeindruckend mit der Imaginierungsfähigkeit des Zuschauers, katapultiert in Kinderzeiten zurück, doch es bleibt beim Erzählgestus. Ist „Don Quijote“ nur der Anlass für eine Selbstvergewisserung des Theaters in Sachen Illusion? Oder geht es doch um mehr? Endlich mit der Szene, in der Don Quijote dem Puppenspieler und dessen Geschichte um den Ritter Don Gaiferos begegnet – das Theater also selbst Gegenstand der Illusionsmaschine im Kopf des Ritters wird – öffnet sich die Bühne. Anja Schweitzer durchbricht eine Mauer und reißt den Screen herunter. Die Drehbühne ist mit Totempfählen der Symbolik gespickt: Flügel von Windrädern und Windmühlen, ein Pferdekopf, ein Kreuz, ein Baum – alles dreht sich unablässig vorbei. „Mechanisches Welttheater“ nennt die Regie das, doch nur weil sich die Bühne dreht, wird daraus noch kein allegorisches Schicksalsrad; nur weil Körner herabregnen, vergeht nicht die Zeit. Am Ende stirbt Don Quijote via Videoscreen und sieht mit seinem schütteren Bart so aus wie er seit Gustave DorésIllustrationen eben aussieht: Die Illusion kommt zu sich selbst – das macht auch nicht klarer, was das mit uns heute zu tun haben soll.

„Don Quijote“ | R: Thomas Fiedler | 3., 5., 6., 13., 27.5. 19.30 Uhr, 28.5. 18 Uhr | Theater Oberhausen | 0208 857 81 84

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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