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„Das 7.Kreuz“
Foto: Ant Palner

Schlamm als Stigma

29. März 2018

Anna Seghers „Das 7. Kreuz“ am Theater Oberhausen – Theater Ruhr 04/18

„Außerhalb meiner Wohnung bist du mir lieber als drin“ – der Satz fällt aus dem Mund des Freundes Paul. Am Tisch die Ehefrau, die Kinder, Stimmen aus der Nachbarschaft. Familienleben, in das der schmutzig abgerissene Flüchtling Georg einzudringen droht. Mit sechs weiteren Inhaftierten ist er aus dem Konzentrationslager geflohen. Während der Kommandant sieben kreuzförmige Galgen aufstellen lässt und in pervertierter Destruktionsteleologie sich sieben Tage für die Re-Inhaftierung gibt, irrt Georg durch das wohlsortierte Nazideutschland des Jahres 1937.

Anna Seghers Roman „Das 7.Kreuz“, erschienen 1942 in Mexiko, ist allerdings kein plotlastiges Flüchtlings-Roadmovie, sondern ein virtuoses Kaleidoskop aus Rückblenden, Gesprächen, Landschaftsbeschreibungen, inneren Monologen. Das macht die Dramatisierung nicht einfach. Lars-Ole Walburg, Intendant am Schauspiel Hannover, hat sie am Haus seines Zöglings Florian Fiedler trotzdem gewagt. Auf der Bühne des Oberhausener Theater wird gleich mit Bedeutung geklotzt: Die sechs SchauspielerInnen irren in weißer Unterwäsche über ein aufgestelztes Hakenkreuz (Bühne: Maria-Alice Bahra), dessen Arme als Laufstege dienen. Der Nebel wabert, die sechs SchauspielerInnen wälzen sich im Schlamm (der später zum Stigma wird), entgehen den ersten Suchtrupps, die Musik dräut – doch kaum ist die Atmo herbeizitiert, ist schon wieder Schluss mit Einfühlung. Ein Mann mit krähend- überschlagender Stimme spricht Frauen die Fähigkeit ab, Romane zu verfassen. Ausnahme: Anna Seghers. Unverkennbar, es handelt sich um eine Karikatur von Marcel Reich-Ranicki, die später nicht nur Teile der Handlung nacherzählt, sondern auch noch eine Brechtfigur hereinschiebt.



Eine von vielen Distanzierungsfiltern, die die Regie an diesem Abend einzieht. Nicht nur stärkt Walburg die epischen Momente in seiner Dramatisierung. Das Schauspielersextett wechselt zudem beständig die Rollen, spricht mal chorisch, mal solo, so dass die Ahnung einer Figur gar nicht erst aufkommt. Doch je mehr die Inszenierung sich als Parabel von Flucht und Abweisung, von Hilfsbedürftigkeit und drohendem Verrat auszugeben versucht, desto inkommensurabler erweisen sich die Rückblenden. Die Erinnerungen an die gemeinsame Demo mit roter Fahne, die Rivalität zwischen Georg und Franz um eine Geliebte – wer erinnert sich hier, ein Roman-Kollektiv? Andere Szenen wie die des in Uniform wild auf die Pauke hauenden Kommandanten oder Seghers obszöne Beschreibung der landschaftlichen Schönheit angesichts des Grauens wirken eher herbeizitiert. Dann wieder darf eine Schauspielerin in der Konditoreiszene als leibhaftiges Törtchen auftreten. Ähnlich wie die Musik von Martin Engelbach mit ihrem unaufhörlichen Instrumentenwechsel pumpt auch Lars-Ole Wallburg seine Interpretation zu einem wahllosen Mix aus Stilen und Haltungen auf, der nicht nur die Form der Parabel verfehlt, sondern letztlich dem Roman und seiner Form weniger vertraut, als er behauptet.

„Das 7.Kreuz“ | R: Lars-Ole Walburg | 15.4. 18 Uhr, 18.4., 16.5. 19.30 Uhr | Theater Oberhausen | www.theater-oberhausen.de

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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