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Foto: Birgit Hupfeld

Maria mit Pornchic

25. Oktober 2018

„Bernarda Albas Haus“ in Oberhausen – Theater Ruhr 11/18

Kann Gummi rauschen? Es klingt merkwürdig, was aus dem Inneren des Zylinders auf der Oberhausener Bühne herübertönt. Zunächst sieht man allerdings in Jan Friedrichs Inszenierung von Federico Garcia Lorcas „Bernarda Alba Haus“ nur Filmbilder. Projiziert auf den Zylinders (Bühne: Robert Kraatz), der erst später sein Innenleben offenbaren wird. Eine Frau kriecht in einem Käfig, eine andere nimmt eine Leichenwaschung vor. Untertitel liefern den Dialog, während die Gesichter sich expressiv wie im Stummfilm verzerren. Doch dann fliegen die Türen auf und heraus treten die vier Töchter Bernarda Albas: Vier Marienstatuen bzw. Nonnen mit Gewand und Schleier, alles gefertigt aus Latex in den Farbtönen von Weiß über Hellblau bis Gelb – irgendwo zwischen Pornchic und Katholizismus (Kostüme: Jan Friedrich). Gespielt werden die vier Grazien von Männern. Das hat alles seine vordergründige Berechtigung: Bernarda Alba hat nach dem Tod ihres Mannes ihre Töchter einem brutalen Reglement unterworfen, das jeden Kontakt in die Außenwelt untersagt, begründet aus (Aber-)Glauben, Machtwahn, Bigotterie und Angst vor Sexualität. Und je stärker das Verbot, desto mehr sehnen sich die jungen Frauen nach Zuneigung. Dass der schwule Lorca damit auch die Homosexuellen in Spanien meinte, ist offensichtlich.

Regisseur Jan Friedrich hat all das brav übersetzt. Die Töchter turteln und streiten später in Spitzenhöschen und doppelreihiger Perlenkette im Schlafgemach. Und Mutter Bernarda, die auf einer Plattform über dem Zylinder thront, ist im kirchenviolettem Gewand, Gesichtsnetzstrumpf und Fetischmund samt verzerrter Stimme ein Bösewicht aus besten Fantasywelten. Wenn im Hof des Gehöfts der Familie ein brünstiger Hengst die Fantasien der Töchter weckt, tritt der Verehrer der ältesten Tochter zwar im Film als machistischer Jesus auf, zum Date aber erscheint er mit Pferdekopf und -hufen.

Das Stück verblasst völlig in der inszenatorischen Übertreibung seiner Motive, die nur noch zum pathetischen Bild gerinnen: Machtbeziehungen sind Fantasygeburten, Kirche und Enthaltsamkeit paaren sich mit Pornchic und Sadomaso, nicht ausgelebtes Schwulsein gebiert Ungeheuer. So viel vordergründiger Übertretungskitsch war lange nicht, so viel Langeweile aber auch nicht. 

„Bernarda Albas Haus“ | R: Jan Friedrich | Sa 17.11., Sa 15.12. 19.30 Uhr | Theater Oberhausen | 0208 85 78 184

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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