Ein roter Vorhang, am Klavier quälen Sänger und Pianist schon vor dem Beginn beim Einlass. Irgendwann schreit jemand hinter dem Pseudobrokat. Es könnte losgehen. Doch langsam geht der Eiserne des Dortmunder Schauspielhauses runter und Jonathan Meeses Mutter liest die Zusammenfassung von Vladimir Nabokovs Roman „Lolita“ aus Wikipedia vor. Lang ist die und den meisten im Premieren-Fachpublikum wohl bekannt. Die Zeitreise in die 1970er beginnt, Jonathan Meese arbeitet seine Kindheit vor dem Fernseher auf, von Lolita wird außer dem Namen nichts bleiben – aber wer hat das auch schon erwartet, 15 Jahre nach den interessanten Anfängen an der Berliner Volksbühne, in deren Folge vielleicht final die Diktatur der Kunst stehen sollte, doch hoffentlich nicht mit einem Meese in SS-Uniform.
Manchmal scheint bei ihm die Beschäftigung mit Deutschland ernsthafte Schäden zu folgen, zu seriell wird der rechte Arm in Dauererektion zum Hitlergruß gereckt, die veritablen vermeintlichen Bürgerschreckfloskeln gebrüllt und die heil- und ziellose Improvisation zur Heilsbotschaft deklamiert. Zurück in die gute alte Zeit mit dem unlustigen Fantomas als optischen Einschub, dem kaum bekannten Science-Fiction-Film „Zardoz“ (mit der jungen Charlotte Rampling und Sean Connery) und der Erhöhung der Kinderfiguren der Mumins. Ob die zwei Telefonzellen auf der Bühne die Qualität einer TARDIS haben wird leider am Abend nicht geklärt. Die schellen zwar, aber qualmen nur. Dr. Who wäre vielleicht auch für die mächtige Präsenz des 1970 in Tokio geborenen Bankersohns Meese gefährlich gewesen. Der weiß immer, was von ihm erwartet wird, und so spult er professionell am Stadttheater seine Metaphern für das Theaterhappening mit dem witzigen Titel „Lolita (R)evolution (Rufschädigendst) – Ihr Alle seid die Lolita Eurer Selbst!“ herunter, in Dortmund begleitet allerdings von überaus präsenten Schauspielern: Uwe Schmieder, Bernhard Schütz und insbesondere Lilith Stangenberg verschmelzen quasi mit dem Meeseschen Mega-Kosmos aus Teutoburger Wald, Harry Lime, Hitlers Alraune und Alizées „Moi Lolita“. Die Übertitel als Dauerschleife bringen derweil Sätze wie „Lolitas gehen nicht wählen“ oder „Die Melonenkacker“ unters Volk, das sich dann irgendwann sogar traut Bier im Zuschauerraum zu trinken. Wahnsinn, diese überaus spontanen Palast-Revoluzzer – das hat die selbsternannte Kultfigur mit Hakenkreuz bei der Impro-Show in Dortmund wenigstens geschafft.
Richtig peinlich – wie könnte es auch anders sein – wird es natürlich auch. Schließlich gehört das auch zum Grundprinzip des artifiziellen Muttersöhnchens. Nachdem Lilith Stangenberg ausgiebig Bernhard Schütz seinen mit Schokolade beschmierten nackten Arsch versohlt hat, wird die über 90-jährige Brigitte Renate auf die Bühne gehievt und zu Rammsteins Textzeile aus „Sonne“: Hier kommt die Sonne, sie ist der hellste Stern von allen, auf einem Stuhl festgehalten. Meese intoniert brüllend statt Sonne „Mutter“, und schon muss das Stunden in verbalen Dauerschleifen ausharrende Publikum auch Rammstein ein Dutzend Mal ertragen, was ja mit Bier keine Bestrafung ist. Dass der Performer seine Mutter Fotografen-gerecht (er weiß eben welche Bilder die im Saal aufgeregt herumeilenden Fotografen von ihm wollen) so lange auf der Bühne kerkert, ist der einzige befremdliche Moment des Premiere-Abends.
„Lolita (R)evolution (Rufschädigendst)“ | R: Jonathan Meese | Sa 21.3., Fr 3.4., Sa 25.4. 19.30 Uhr | Theater Dortmund | 0231 50 27 222
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