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Foto: Volker Beushausen

Ein hochemotionaler Spiegel

03. Januar 2020

Khaled Hasseinis „Drachenläufer“ in Castrop-Rauxel – Theater Ruhr 01/20

Leere Bühne. Kahle Wände. Schattenbilder. Auf diesen „Brettern“ findet kein Gleichnis statt, auch keine antike Tragödie – oder doch? Irgendwie schon, geht es doch um Schuld und Sühne, um die Verdunkelung der Götter oder derer, die wir dafür halten. Die Geschichte von Khaled Hasseinis Weltbestseller „Drachenläufer“ (der Roman wurde für die Bühne von Matthew Spangler adaptiert) handelt im Kern von zwei Halbbrüdern die diese Verwandtschaft nicht kennen, die zwar gemeinsam aufwachsen, deren gesellschaftlicher Stand im Afghanistan der 1970er aber nicht unterschiedlicher sein kann: Amir ist Paschtune und Sunnit, Hassan Schiit und Hazara, eine Volksgruppen-Minderheit, die verachtet wurde und keine Aufstiegschancen im monarchischen Afghanistan bekam. Also war der eine Vater reich, der andere sein Bediensteter.

Der US-amerikanische Schriftsteller Hasseini, selbst mit paschtunischen Wurzeln, machte aus dieser Konstellation 2003 eine fast mythologische Geschichte. Regisseur Gert Becker inszeniert die deutschsprachige Erstaufführung (!) in einem Nichtraum im Irgendwo, Orte und Historie haben völlig an Bedeutung verloren und dennoch funktionieren die Schlüsselszenen perfekt. Gewalt findet nur als Projektion hinter der Schattenwand statt, die das Unbehagen verstärkt. Der Drachenkampf als Namensgeber der Story ist ein beliebter Freizeitvertreib der Jugendlichen, die nicht nur die Drachen vom Himmel holen, sondern die abgestürzten auch erjagen. Hassan ist der rennende Meister, nicht gebildet aber schnell und absolut loyal. Selbst als ihn Assef, der ewige Verlierer, demütigt und mit zwei Freunden auch noch vergewaltigt und Amir nicht einschreitet, bleibt das so. Der kann seine Schuld nicht ertragen und wendet sich ab, flüchtet mit seinem Vater in den Sehnsuchtsort USA. Nach Jahren (Hassan und Frau sind von den Taliban getötet worden, Amir standesgemäß aber kinderlos verheiratet) versucht er, etwas wieder gutzumachen.

Gert Becker hält mit dieser sehr einfühlsamen Inszenierung im Westfälischen Landestheater und seinem spielfreudigen Ensemble einen hochemotionalen Spiegel vor die gespaltene Welt. Zig Schulklassen am Morgen im Zuschauerraum und keine Smartphones leuchten im Dunkel. Mehr kann heute an einem Theater nicht erreicht werden.

„Drachenläufer“ | R: Gert Becker | Mo 20., Di 21.1. 20 Uhr | WLT Studio Castrop-Rauxel | 02305 97 80 20

PETER ORTMANN

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