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Jens Dornheim bei den Proben im Theater im Depot
Foto: Oliver Mengedoht

„Das Stück zur Stunde“

01. November 2020

Jens Dornheim inszeniert in Dortmund „Der Reichsbürger“ – Premiere 11/20

trailer: Herr Dornheim, stellen wir uns mal dumm: Gibt es die Bundesrepublik nun oder eben nicht?

Jens Dornheim: Wenn ich das aus meiner Sicht heraus erklären müsste, dann gibt es die Bundesrepublik schon, wenn Sie den Reichsbürger fragen, werden da sicher Zweifel angemeldet.

Inwiefern?

Die Bundesrepublik wird von den Reichsbürgern nicht als Staat anerkannt, sie existiert für diese Bewegung als Staat nicht.

Und so eine Thematik inszeniert man aber doch nicht ohne Grund in der Corona-Pandemie, wo zentrale Bürgerrechte von der Staatsmacht eingeschränkt werden, oder?

Das stimmt. Die Corona-Pandemie spielt dieser Bewegung, die sehr vielfältig, sehr heterogen ist, in die Hände. Vieles von dem, was heute passiert, auch an Anti-Covid-Bewegungen in der Bevölkerung, kann man sehr gut auch auf die Folie des Reichsbürgertums legen. Wir haben da auch was in die Inszenierung eingewebt, da bietet sich einfach unglaublich viel an. Für mich scheint es das Stück zur Stunde zu sein.

Ich habe versucht mich in die Figur des Reichsbürgers hineinzudenken“

Wie wertfrei kann man mit Verschwörungstheoretikern überhaupt umgehen?

Natürlich habe ich eine Meinung zu diesen Reichsbürgern und diesen Selbstverwaltern und unter den Bewegungen gibt es ja auch nochmal Differenzierungen. Die werden hier im Text auch vom Autorenpaar Küsperts etwas breiter gefächert. Natürlich sehe ich viele Dinge kritisch, aber ich habe versucht mich für diese Inszenierung in die Figur des Reichsbürgers hineinzudenken und das auch aus seiner Perspektive zu sehen. So habe ich meine eigenen Werte erstmal hinten angestellt und geschaut, was kann dieser Text jetzt, was hat das für eine Durchschlagskraft, wenn man sich auf bestimmte Punkte fokussiert.

Keine Angst, dass die Radikalen dann auch im Theater auftauchen?

Ich habe tatsächlich das erste Mal einen Förderbescheid mit einem Vermerk erhalten. Der besagte, dass ich mich bitte in Dortmund auf die Metaebene vorbereiten solle. Das bedeutet, dass die rechte Szene da stark vertreten ist, und natürlich muss man auch damit rechnen, dass von denen Leute ins Theater kommen und möglicherweise im Stück auch Kommentare abgeben, denn die Figur des Reichsbürgers spricht das Publikum direkt an. Soweit wir das können, bereiten wir uns darauf vor. insbesondere der Schauspieler Sebastian Thrun.

Es kann durchaus sein, dass bestimmte Aussagen Reaktionen provozieren“

Es gibt also eine besondere Beziehung zwischen dem Protagonisten und den Zuschauern in Ihrer Inszenierung?

Genau. Aber darüber möchte ich nicht zu viel zu verraten. Nur so viel: Er hat mehr was von einem Guru, der ein Seminar abhält, und das ziemlich eloquent. Da wird es im Raum ein bisschen unangenehm, auch für das Bildungsbürgertum.

Aber doch kein Mitmachtheater?

Das wird im Küsperts-Text zum Teil angeboten. Ich habe das nur zum Teil reingenommen, weil ich weiß, wie zurückhaltend die meisten Leute im deutschen Theater sind. Deswegen haben wir einige Dinge indirekt gelöst, damit die Leute nicht mitmachen müssen. Aber es kann durchaus sein, dass bestimmte Aussagen Reaktionen provozieren. Nicht nur bei den Radikalen, auch beim eben angesprochenen Bildungsbürgertum.


Sebastian Thrun ist der Reichsbürger, Foto: Oliver Mengedoht

Woraus speist sich die (hoffentlich andauernde) Spannung in diesem Monolog? Nur aus der kruden Figur?

Nein. Dadurch dass wir die Figur mehr auf die Ebene eines sehr eloquenten Politikertypen gesetzt haben, wirkt die Figur nicht so krude, wie man vorher annehmen mag, natürlich aber dadurch, was sie sagt. Da sind einige Aussagen, die jeder erstmal auf ihre Volumenprozente an Wahrheit für sich selbst überprüfen muss. Das ist nicht immer so schnell eindeutig schwarz und weiß. Es ist der Text selbst und dann auch die Performance des Schauspielers, die einen hoffentlich 65 Minuten lang in Atem hält.

Es ist ja auch ein außergewöhnlicher Monolog, der nicht linear durchläuft und etwas transportiert, sondern er springt inhaltlich auch enorm.

Ja, in seinem Monolog schneidet er vielfältige Themen an. Es geht nicht nur um die selbsternannten Gebiete, die die Reichsbürger für sich beanspruchen. Es gibt noch andere Beispiele, die dann auch das Thema Dortmunder Nordstadt und Migration ansprechen. Da gibt es sicher ambivalente Aussagen, die nicht sofort rechts sind, aber aus dieser Ecke auch gerne okkupiert werden.

Wir dürfen keine öffentliche Premierenfeier im Theater machen“

Wie schafft die Regie Atmosphäre in einem Theater voller Mundnasenbedeckungen?

Erst einmal durch eine warme Ansprache am Anfang. Durch die Abstände hat jeder die Möglichkeit seine Maske am Platz abzunehmen. Aber natürlich ist es bei einer Premiere nicht dasselbe wie sonst. Wir dürfen keine öffentliche Premierenfeier im Theater machen, haben aber im Gebäude des ehemaligen Straßenbahndepots noch das Glück, dass wir dort einen großen Tisch reservieren können und wenigstens eine kleine interne Feier machen können.

Ist das für das Publikum auch schwieriger, diese nicht mehr stattfindende Nähe?

Diesen Eindruck habe ich schon. Vielen Leuten fehlt das ziemlich, andere sind sehr vorsichtig geworden. Aber ich glaube, dass insgesamt schon eine große Sehnsucht nach Normalität besteht.

Und wann beginnt wieder so was wie Normalität?

Das ist schwer zu sagen. Wenn man den Virologen Glauben schenken kann, dann muss man sich schon auf die nächste Spielzeit einstellen. Ich glaube, vor Sommer 2021 ist da nicht dran zu denken.

Der Reichsbürger | R: Jens Dornheim | 30.(P), 31.10., neue Termine in Vorb. | Theater im Depot, Dortmund | 0209 169 91 05

INTERVIEW: PETER ORTMANN

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