Alles beginnt mit einem Menschlein, auf dem alle herumtrampeln. Schauspieldirektor Kay Voges inszeniert Büchners „Woyzeck“. Beim Generationenwechsel rumorte es erst einmal in der Stadt, da der Düsseldorfer gleich das gesamte Ensemble austauschte. Damit hat Voges aber auch einen kompletten Umbruch in einem Haus geschaffen, das nicht nur unter enormen Kürzungen zu leiden hat, sondern auch neue Besucherschichten erreichen will. So entsteht beispielsweise in der Cafeteria im Schauspielfoyer derzeit das „Institut“, eine multimediale Rauminstallation, in der die Projektreihe „Stadt ohne Geld“ stattfinden wird, eine Kooperation mit den Wissenschaftlern des Instituts für urbane Krisenintervention (IfuK).
trailer: Herr Voges, das große erste Thema ist der Umbruch. Das bedeutete einst Ackern auf Grünland. Ist im industriellen Dortmund Renaturierung notwendig?
Kay Voges: Nein. Zurück ins Grüne wird man es in dieser Stadt nicht mehr schaffen. Gemeint sind die sich wandelnden Strukturen. Wir als neues Team müssen uns erst einmal orientieren, in einer neuen Stadt, mit neuen Kollegen. Wir leben tagtäglich diesen Umbruch, und die Stadt bekommt diese Veränderung in ihrem Theater mit. Wenn man nach Dortmund hineinfährt, liegt eine Baustelle neben der nächsten, große Projekte werden angegangen, alte Dinge brechen zusammen. Es ist eine Stadt im Wandel, so wie der ganze Ruhrpott gerade und schon seit Jahren sehr im Wandel ist. Strukturwandel ist das schöne Wort, und man fragt sich dann nur, wohin wandelt sich das? Einst Montanindustrie, jetzt Versicherungen oder Mikrochips? Es gibt noch sehr viele alte Riten, die man kennenlernt, wenn man hier zureist. Hier wird noch „Glück auf, der Steiger kommt“ auf Beerdigungen gesungen, und überall steht noch „Glück auf“ unter den Briefen. Da denkt man, das ist wie aus alten Tagen, aber es ist das Neue. Das einzige kollektive Bewusstsein, das hier in der Stadt zusammenhält, ist der BVB. Aber ich glaube, es ist mehr weggefallen, als durch den BVB gerettet werden kann. Vielleicht sind ja die Wirtschaftskrise, die wir gerade haben, und das Haushaltsloch noch mal eine Chance für uns, über unsere Wertmaßstäbe nachzudenken.
Aber wie lange kann man ein Stadttheater noch ohne Geld finanzieren?
Das ist eine Katastrophe. Es ist unglaublich, wie knapp das gestrickt ist. Doch der Diskussion muss ich mich annehmen. Wir im Theater dürfen darüber hinwegsehen, dass wir in einer Stadt leben, die unter dem Haushaltssicherungsgesetz steht. Und braucht diese Stadt ohne Geld ein Theater? Ich glaube: mehr noch als eine Stadt mit Geld. Aber die Stadt ohne Geld braucht Theater als einen Ort des Diskurses, über Zukunft von Gemeinwesen, als Ort für die Bürger und Bürgerinnen, an dem man Zukunft und Gegenwart diskutiert, erlebt und hinterfragt. Das kann nicht nur in irgendwelchen Ratssitzungen stattfinden oder in irgendwelchen Kirchen unter moralischen Aspekten. Daher ist diese gesellschaftspolitische Diskussion eine große Chance für uns, radikaleres, klügeres und vielleicht politischeres Theater zu machen, weg von der Haltung, dass wir eine Unterhaltungsspielstätte sind. Wenn es aber nur noch um reine Unterhaltung geht, dann muss man sich fragen: Entertainment für die Stadt – können wir uns das noch leisten?
Ein Eröffnungswochenende mit „Woyzeck“, Miss Sara Sampson und den Persern. Bleibt das Dortmunder Publikum doch lieber konservativ?
Ich glaube nicht, dass Dortmund ein konservatives Publikum hat, und ich glaube auch nicht, dass wir einen konservativen Spielplan gemacht haben. Wir machen einen sehr gegenwartsbezogenen Spielplan. Gleich zu Beginn mit dem Publikum zum ältesten Drama der Menschheitsgeschichte zurückzugehen, das noch erhalten ist, heißt auch, sich gemeinsam zu einem Ursprung zu begeben, von dem man aus startet und sich fragt: Was hat das denn heute noch für eine Bedeutung? Und zu sehen, was für eine gegenwärtige Brisanz und persönliche Notwendigkeit das Stück „Miss Sara Sampson“ hat, das ist 250 Jahre alt, das werden wir untersuchen. Und wir werden beweisen können, wie tagesaktuell dieses Stück ist. „Woyzeck“ ist das Thema, das uns durch die Spielzeit und unsere momentane Situation begleitet, wenn man etwa die Sarrazin-Debatte sieht. Wie gehen wir mit dem Prekariat um, wie fühlt sich der, der denkt, er sei zu kurz gekommen, wie geht man um mit dem Thema Gerechtigkeit und Gemeinwohl. Das ist alles in dem Stück drin. Also kein konservatives Programm, sondern eine gegenwartsorientierte Auseinandersetzung anhand alter Stoffe.
Leander Haußmann hatte in Bochum ein strahlendes Herz als Symbol gewählt, wofür steht denn der fünfzackige Stern im Dortmunder Theatersignet?
Ich wünsche mir, dass das Theater Dortmund ein Leuchtturm für die Stadt wird, und dass dieses Schauspielhaus unter einem guten Stern stehen wird. Der Stern ist ja immer ein Symbol der Orientierung, er kennzeichnet auch einen Fixpunkt. So soll das Theater Fixpunkt oder Leuchtturm für die Stadt zu sein, an dem gefeiert, an dem diskutiert wird und kollektive Gegenwart stattfindet.
Für mich hatte der Stern zunächst eine linke Assoziation.
Ich glaube, die Assoziation, ob das nun der Halbmond ist, der noch einen Stern dabei hat, ein Stern auf dem Hollywoodboulevard oder der, der auf der Hafenstraße in Hamburg steht, es ist der gleiche Stern. Der Stern bleibt ein Stern. Ich glaube, wir versuchen, nach den Sternen zu greifen, und vielleicht kommt ja auch irgendwann mal ein Star aus unserem Haus.
Die BVB-Revue ist weg. Wo bleibt für den Dortmunder da noch eine Vision für die Zukunft?
(lacht) Nein, ich werde nicht schlecht über die Dortmunder reden. Das Stadion ist wunderbar, das ist beeindruckend. Auch wenn die Borussia, die in meinem Herzen ist, woanders spielt, kann ich diese Faszination für den BVB absolut nachvollziehen. Und zum 110. Geburtstag des Vereins gibt es sicher noch mal eine BVB-Revue, wenn ich dann noch da bin.

Woyzeck I Fr 1.10., 19.30 Uhr (Premiere) I Schauspielhaus Dortmund I 0231 502 72 22
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