Teilweise wirken die Bilder wie abstrakte Malerei und nicht wie Fotografien. Die Farbmischungen und Unebenheiten des Bodens, die durch den Erzabbau der schwedischen Kiruna-Mine entstanden sind, sehen aus wie die Risse trocknender Farbe auf einer Leinwand. „Hidden Costs“ heißt die Ausstellung, die aktuell im Dortmunder LWL-Industriemuseum an der Zeche Zollern zu sehen ist. Dabei ist das Ausmaß der industriellen Abnutzung der Natur so riesig, dass es eigentlich unübersehbar ist – man müsste nur hinsehen.
Schöne Bilder von furchtbaren Dingen mache er, so J. Henry Fair über seine Arbeit. Der amerikanische Fotograf und Umweltaktivist hat die in New York ansässige Organisation Wolf Conservation Center mitbegründet, die sich für den Schutz wilder Wölfe einsetzt und über ihre Bedeutung für das Ökosystem informiert. Für seine Bilder recherchiert er oft monatelang, bevor er sich kleine Flugzeuge chartert und seine Luftaufnahmen macht.
Die Kiruna-Mine in Schweden ist die größte Erzmine weltweit, über vier Kilometer erstreckt sich die Abbaufläche. Bereits vor Jahren wurde die Umsiedlung des dazugehörigen Ortes beschlossen, denn darunter liegt weiteres Erz. Und so langsam drängt die Zeit, denn Kiruna beginnt zu sinken.
Der schwedische Ort ist nur eine der vielen Geschichten, die den Hintergrund zu den Fotografien liefern. Gleich mehrere Bilder zeigen das 2010 von BP verursachte Deepwater Horizon Leck im Golf von Mexiko, die bis dato größte Umweltkatastrophe weltweit, deren Auswirkungen noch heute Natur und Tierwelt belasten. Angelehnt an Dostojewskis Klassiker trägt das Bild des riesigen Ölteppichs, der sich durchs Meer zieht, den Namen „Crime and Punishment“ (Schuld und Sühne). Der Großteil der Bilder stammt aus den USA, aber auch Waldrodung in Marokko oder die primitive und gefährliche Herstellung von Zement in Vietnam weisen auf die Universalität der Probleme hin. Im spanischen Andalusien sorgt die Verwitterung der Mineralien aus dem Kupfer- und Erzabbau dafür, dass der bereits nach dem Phänomen benannte Fluss Río Tinto in ein tiefes Rot getaucht wird.
Vor dem Gebäude dann die erweiterte Reihe zum Ruhrgebiet. Die Erben der einst boomenden Industrie- und Steinkohleregion sind sowohl wirtschaftlich als auch ökologisch lange spürbar: Toxischer rotbrauner Schlamm in der Nähe des Lausitzer Braunkohleabbaus; Rauchschwaden des Gelsenkirchener Kohlekraftwerks, das tonnenweise CO2 und Schwefeloxide freisetzt; die riesige Halde aus Kalisalz im nordhessischen Heringen – auch Monte Kali genannt –, dessen Ablagerungen den nahen Fluss Werra verseuchen.
Einige der Bilder sehen letztendlich doch nach Fotojournalismus aus; manch leichter Wackler lässt erkennen, dass es sich um Luftaufnahmen handelt. Die meisten Fotos bleiben jedoch Fairs Anspruch treu, die unwirklichen Landschaftsaufnahmen zu Kunst werden zu lassen. Die Zusammenstellung der Bilder lässt keinen Zweifel daran, dass es bei Fairs Fotografien nicht um das Aufzeigen einzelner Fälle geht, sondern um die destruktive Lebens- und Wirtschaftsweise, die den Planeten gefährdet. Die Zerstörung der Umwelt ist ein Preis, den wir uns nicht leisten können.
Hidden Costs | bis 3.4.22 | Zeche Zollern, LWL Industriemuseum | 0231 696 12 11
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