720.000 Quadratmeter, 890 Paläste, 9.999 und ein halber Raum. Vierzehn Jahre dauerte der Bau der Purpurnen Verbotenen Stadt an, fünfhundert Jahre blieben ihre Tore verschlossen. Der Zutritt blieb der einfachen Bevölkerung verwehrt; 24 Kaiser lebten hier mit Hofdamen, Beamten, Eunuchen und Konkubinen. Das riesige Bauwerk im Zentrum Pekings hat auch nach dem Ende der Abschottung seine Faszination gewahrt und lockt jährlich rund neun Millionen Besucher in das Weltkulturerbe. Dieser geschichtsträchtige Ort bildet den Mittelpunkt des aktuellen Programms des Chinesischen Nationalcircus. „Back to the roots“ hieß es in diesem Jahr, in dem sich das Ensemble aus Chinas besten Artisten anders als in den Vorjahren weniger auf Moderne und mehr auf Tradition besann. Auf diese Weise soll eine Brücke zwischen den Kulturen gebaut und eine Reise in das Innere der Verbotenen Stadt und zu ihrem Zauber ermöglicht werden.
Seit nunmehr 25 Jahren gibt es den Chinesischen Nationalcircus, und inzwischen hat er sich zu einer weltweit einmaligen Produktion entwickelt. Denn der Fokus ist nicht die Sensation der Akrobatik, so Produzent Raoul Schoregge. Diese diene nicht als Selbstzweck, sondern als „Schlüssel zu dieser besonderen Kultur“. Der Chinesische Nationalcircus sieht sich also nicht als reine Unterhaltungsveranstaltung, und das hebt ihn von der breiten Masse ab.
Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt: Nur auserwählten Personen wird der Zutritt zu der Verbotenen Stadt gewährt. Die kleine Orchidee ist eine von ihnen, denn sie hat sich als Konkubine des Kaisers beworben. Als Teil des kaiserlichen Hofstaates lernt sie nun das Leben hinter den purpurnen Mauern kennen und träumt heimlich davon, irgendwann selbst Kaiserin zu sein. Von hier an erzählt das Stück sich selbst. Es bedarf keiner Konflikte und großen dramaturgischen Konzepte. In zwei Stunden stellen sich die Bewohner der Stadt vor und gestalten eine kurzweilige, bunte und bewegte Show. Dabei setzt der Circus auf die Besten der Besten: Die Akrobaten stammen von einer renommierten Artistenschule im chinesischen Changzhi, wo sie eine zehnjährige Ausbildung absolviert haben. Nur die begabtesten Schüler schaffen den Sprung in den Circus. Besonders vielversprechende Talente dürfen schon vor dem Ende ihrer Ausbildung mit dem Nationalcircus auf Tour gehen – so auch die siebenjährige Liu Yexuan, welche die kleine Orchidee verkörpert und das Publikum mit einem minutenlangen einhändigen Handstand begeisterte.

Wer denkt, Akrobatik ist immer gleich, der irrt: Die Artisten haben sich unterschiedlichste Choreografien für ihre Show überlegt und überraschen immer wieder mit Neuheiten. Dabei geht es stets sehr farbenfroh und schillernd zu. Während westliche Akrobatik oft auf einen klaren Mittelpunkt und Ruhe im Bühnenbild setzt, ist ein solcher Aufbau hier die Ausnahme. Auf den lauten Beginn mit tanzenden prunkvollen Löwen folgen bewegungsreiche Auftritte in nahtlosem Übergang zueinander. Es werden Stühle auf Stühlen gestapelt, Ringe auf Ringen oder Menschen auf einem Fahrrad. Seilspringen wird bis an seine akrobatischen Grenzen ausgereizt, an einem Seidentuch tanzt ein Pärchen, wirbelt umher und scheint von der Schwerkraft befreit. Teller und Hüte werden mit den Händen, Töpfe und ganze Tische mit den Füßen jongliert. Ballettelemente vermischt das Ensemble mit beeindruckender Artistik, wenn Schlangenfrauen ihrer Anatomie trotzen und ein Mann vier Frauen auf einmal trägt – ohne dabei auch nur im Entferntesten angestrengt zu wirken.
Dabei passiert meist vieles gleichzeitig. Oft sind zehn oder mehr Artisten an einer Nummer beteiligt oder präsentieren verschiedene Szenen. Nicht selten nähert sich die Show dabei der Grenze zum Chaos, wendet dieses aber stets geschickt ab, bevor der Zuschauer bei all den Blickfängen die Orientierung verliert. Durch das Leben der kleinen Orchidee, welche immer wieder grinsend auf der Bühne erscheint, führen Stimmen, die ihre Geschichte vorlesen, wie sie am Hof aufwächst und ihren Traum schließlich verwirklicht, als sie dem Kaiser ein Kind gebärt. Stellvertretend für das Publikum lernt die kleine Orchidee das kurze Leben, das ihr gegeben ist, zu schätzen. Sie tut, was sie liebt, und lernt die völlige Identifikation mit dem, was sie tut: „Wer Bambus malen will, trägt schon das Bild im Kopf. Wer Handstand zeigen will, ist schon der Handstand selbst.“
Der Chinesische Nationalcircus erreicht mit dieser Struktur sein Ziel, nicht bloß Akrobatiknummern aneinanderzureihen, sondern mit ebenjenen die Kultur des Reiches der Mitte vorzustellen und die Magie seiner Traditionen und Legenden zu vermitteln. Dabei passierten sogar den den Artisten im Colosseum Theater ab und zu Kunstfehler, über die man sich beschweren könnte – aber so ganz ohne Fehltritte wäre es doch auch langweilig.
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