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„Amok“
Foto: Isabel Machado Rios

Gott rettet niemanden

26. Oktober 2017

„Amok“ im Theater Oberhausen – Theater Ruhr 11/17

Die Zeit heilt alle Wunden, manche nicht. Der Serienmörder Jean-Claude Romand will nicht vorzeitig entlassen werden. Er will im Gefängnis bleiben. Gott hat mich gerettet, sagt er. Die einzige Frage, die am Schluss bleibt, warum hätte Gott das tun sollen? Denn Romand hat sich die Braunkohlegrube in die er stürzte, selbst geschaufelt, 18 Jahre lang. Man hätte darüber schmunzeln können, man hätte erstaunt sein mögen. Aber niemand hätte dafür sterben müssen. „Du Arschloch“ – möchte man rufen.

Doch zurück an den Anfang. Theater Oberhausen, Saal 2, Tische, Stühle, drei Sitzreihen, ein Stahlregal voll mit Büchern und Recherchematerial in Kisten, niemand ist zu sehen. Also ein Bier bestellen und abwarten. Jan Christoph Gockel hat dieses Stück vor sechs Jahren in Osnabrück inszeniert, jetzt hat es Oberhausen als Übernahme erreicht. Mit Knalleffekt platzen die beiden Schauspieler Dietmar Nieder und Clemens Dönicke aus dem Regal, sie sind Autor und Nachbar, Täter und Journalist, sie ringen nach Wahrheit und Sinn. Die Tragödie hat etwas Dokumentarisches, denn sie hat sich 1993 in einem kleinen französischen Ort an der Schweizer Grenze zugetragen. Der Täter ist ein armes Würstchen, eine verpasste Medizin-Klausur wird zur ersten Lüge, die weitere nach sich zieht, Romand wird zum Betrüger, zum Hochstapler, sein ganzes Leben ist eine Farce, bis die Blase platzt.

Absurdität könnte man attestieren, wenn da nicht der finale Akt wäre, die Geschichte zu einem katastrophalen Ende zu bringen. Regisseur Gockel treibt seine Protagonisten über das Regal, als Mauer zwischen Fiktion und Wahrheit, und er treibt sie in die Zuschauer an ihre Tischen, da ist der Nachbar, der ungewollt die Geschichte unterfüttert, da ist der Autor, der mit der Figur des Täters ringt und die Fakten sucht. Da ist Romand, der sich rechtfertigen will und seine haarsträubende Geschichte preisgibt. Alle kreisen um das Regal, das am Ende krachend umfällt, den Täter und Tat begräbt und doch nicht erlöst. Nur der Autor ist restlos von seiner sechsjährigen Neugier befreit. Das kann der Zuschauer nachvollziehen.

„Amok“ | R: Jan Christoph Gockel | Fr 3.11., Do 23.11., Fr 24.11. 19.30 Uhr | Theater Oberhausen | www.theater-oberhausen.de

PETER ORTMANN

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