Die Palastarchitektur von Versailles ist sicherlich eine elegantere Kulisse als diese brachliegende Fläche vor der Rotunde, wo sich an diesem Mittwochabend etliche BesucherInnen mit Decken wärmen und an die Gitter drängen. Doch das höfische Schauspiel, das sie bei Dunkelheit bestaunen, hätte sicherlich auch den „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. Gefallen. Das liegt nicht nur an den barocken Kostümen der DarstellerInnen, der beeindruckenden Lichtregie und den kurzweiligen Slapstick-Spielszenen.
Denn das Berliner Kollektiv der „Pyromantiker“ verbindet in ihrer Inszenierung „Versailles Reloaded“ komödiantisches Straßentheater um die Rollen der ‘Fräulein Marga Baröckchen’ und den beiden Herren Monsieur ‘Francois Tourbillon’ ,und Monsieur ‘Franz Licht’ mit einer visuellen Feuerwerksperformance. Goldene Funken schlagen in den dunklen Himmel oder orangene Spiralen leuchten auf. Irgendwann brennt das höfische Mobiliar, bis schließlich die Zeit für die „grande bombe“ kommt.
Anlass genug gab es sowieso für ein fettes Feuerwerk. Denn schließlich feiert „Fidena“ in diesem Jahr einen runden Geburtstag. In 60 Jahren „Figurentheater der Nationen“ wurden im Ruhrgebiet bereits 1000 Vorstellungen von 440 Theatergruppen aus rund 47 Ländern inszeniert. „Fidena“ hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zur renommierten Institution des Figurentheaters entwickelt. Egal ob traditionelle Kasperle- und Marionettenspiele wie die „Augsburger Puppenkiste“, Ensembles aus Warschau und Stockholm, Objekttheater aus Frankreich oder experimentelle Performances und Installationen. Formate, die es auch in der diesjährigen Ausgabe des Festivals vom 9. Mai bis zum 18. Mai gibt, die den Auftakt mit einer Gala-Parade von der Rotunde bis zum Schauspielhaus machte.
Nicht der einzige Termin bei „Fidena“, der auf die Straße verlegt wurde: Mit „Punch Agathe“ wurde am 9. Mai der „größte Kasper der Welt“ in der Bochumer Innenstadt präsentiert. Als unberechenbar und rebellisch wird dieses Ungestüm beschrieben, an dem internationale KünstlerInnen in einer Kooperation die Strippen ziehen.
Überhaupt gibt die diesjährige „Fidena“-Ausgabe einen anderen Eindruck von politischen Strippenziehern. Denn mit den Figurenspielen werden in diesem Jahr Themen wie Krieg und Frieden, Sexismus oder Armut verhandelt. Die deutsche Erstaufführung von „Ein Geheimnis der Straße“ gerät in den Flottmann-Hallen zur Milieustudie über das Erwachsenwerden zweier iranischer Frauen in einer Gesellschaft, die von Armut und Unterdrückung geprägt ist. Für die Adaption des gleichnamigen Romans der iranischen Autorin Fariba Vafi wurde auf der Bühne mit rund 600 Flachfiguren gearbeitet. Um Widerstand gegen Sexismus und Gewalt geht es dagegen dem „Pussyhat Project“. In Bochum luden die AkteurInnen zur offenen Diskussionsrunde ein.
Trotz der politischen Themen gibt es nach 60 Jahren „Fidena“ genügend Grund zum Feiern. So steigt am 18. Mai die große Abschlussparty in der Rotunde. Und auch die finale Feuerwerksbombe der „Pyromantiker“ explodierte bei der Inszenierung von „Versailles Reloaded“ schließlich noch über Bochum.
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