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„Medea“
Foto: Axel J. Scherer

Eine Homestory in Korinth

23. Februar 2017

„Medea“ in Oberhausen – Theater Ruhr 03/17

Kindermord bei Biedermanns. So richtig prickelnd geht es nicht mehr ab in Medeas Kellerbar im Theater Oberhausen, ihre Amme (Anna Polke) ist eine sachliche, spießige Verwalterin der einst wüsten Lebensumstände, sie erzählt die Vorgeschichte einer zerplatzten Liebe eher beiläufig, der kleine Mensch steht in der großen Welt, Hoffnung, Liebe, Enttäuschung. Welche Frau ist je für einen Mann weiter gegangen, welche Frau wurde je schlimmer verraten?

Aus Syrien stammt die Regisseurin Wihad Suleiman, die den Mythos des Euripides über die Hexe aus Kolchis in eigenen Textpassagen neu erzählt, die in langatmigen Szenen die Ursachen überspielt und so die mächtige Geschichte einer Genossin der Lilith ins schnöde Gewand der Eva presst. Kein Glück ist ewig – das scheint das Motto, so also hätte Medea ja auch über den Verrat hinwegsehen können und den Mann, der erst durch sie in die Höhen des Königspalastes von Kreon und seiner Tochter gelangen konnte, ungestraft lassen. Für die, die alles geopfert hat, ist das undenkbar. Mag ihre Tat auch noch so ungeheuerlich sein, das blutige Fanal der (aristokratisch erzwungenen) Kindstötung hat die tausende Jahre überdauert.

Fürs Kammerspiel zwischen Demütigung und Rache ist visuell nicht viel geblieben auf der Bühne, keine Pracht, kein Prunk, eine Liege im Hintergrund. Janna Horstmann als blonde Medea und Omar El-Saeidi als dunkelhäutiger Jason spielen das souverän als auseinandergelebtes Ehepaar, immer begleitet von Khater Dawa, der mit seiner arabischen Laute so etwas wie Flair erzeugen muss, und von Dunja Dogmani als die Folklore-Choristin, die sachlich versucht auf Medea einzuwirken. Doch auch in Oberhausen brodelt der archaische Vulkan, wird die blutrünstige Rache vollstreckt, da sei Kreon (Hartmut Stanke) König oder nicht, und möge ein Universum an Schuld die Zukunft bedeuten. Die Totentanz-Choreografie beginnt: Seine Kinder reicht sie dem Argonautenführer als Mahlzeit, dann taucht sie ihre Hände in blutige Schuld. Und dann ist die Homestory auch vorbei. Abreise mit Amme ins Exil. Der Drachenwagen wartet schon.

„Medea“ | R: Wihad Suleiman | Fr 10.3., Sa 11.3., Mi 15.3. 19.30 Uhr, So 12.3. 18 Uhr | Theater Oberhausen | www.theater-oberhausen.de

PETER ORTMANN

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