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Hertha Müller eröffnet die Ruhrtriennale
Foto: Ruhrtriennale

Eine eindringliche Warnung

31. August 2017

Herta Müllers Rede auf der Ruhrtriennale – Theater Ruhr 09/17

Spätestens als die Nachricht der Verhaftung des regimekritischen, russischen Theaterregisseurs Kirill Serebrennikow am 22. August die Runde machte, werden sich Besucher der Ruhrtriennale-Eröffnung Herta Müllers Worte ins Gedächtnis gerufen haben. Ihre nur ein paar Tage zuvor gehaltene Rede, im Gewand einer autobiografischen Erzählung, war in erster Linie eine eindringliche Warnung vor den beunruhigenden politischen Entwicklungen hin zur Beschränkung demokratischer Grundrechte, die gerade in vielen Teilen der Welt zu verzeichnen sind.

„In Russland ist es wieder normal, dass Theateraufführungen gestürmt werden oder Stalin-Denkmäler enthüllt“, stellte die Autorin fest, die auf Einladung des Ruhrtriennale-Intendanten Johan Simons vor der Opernpremiere „Pelléas et Mélisande“ in der zum Bersten gefüllten Turbinenhalle hinter der Bochumer Jahrhunderthalle sprach. Damit untermauerte sie die Aktualität ihrer Geschichte eines Lebens in der rumänischen Diktatur.

Wie das Festivalzentrum „The Good, the Bad and the Ugly“ oder das Festival für elektronische Musik „Ritournelle“ ist die Eröffnungsrede eine der genialen Erfindungen aus Simons Intendanz, zu denen sich seine Nachfolger verhalten werden müssen. Mit der Auswahl der Redner bewies sein Team ein extrem gutes Gespür: In den vergangenen zwei Jahren hielten der Philosoph Byung-Chul Han und die Autorin Carolin Emcke kurz nach der Auszeichnung mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels brandaktuelle Reden, die mit scharfen Analysen und biografisch gefärbten Anekdoten auf die Gefährdungen der Zeit reagierten.

Jetzt also die Literaturnobelpreisträgerin des Jahres 2009, deren persönliche Geschichte dringlicher denn je erscheint. „Ausweg nach innen“ überschrieb sie die Erzählung, die sie für die Ruhrtriennale verfasste – und die sie las, nicht frei vortrug. Doch Müller hat eine ganz eigene Art mit Worten zu fesseln. Sie kommen bedächtig und leise daher, aber extrem wirkmächtig. Weil sie ihr selbst unendlich viel bedeuten, einem gefährdeten Leben abgerungen sind, können sie die Zuhörer nicht kalt lassen.

Mit den ersten Sätzen führt sie in ihre Kinder- und Jugendzeit auf dem rumänischen Land, exponiert Themen wie das ihr damals noch unbekannte Gefühl der Einsamkeit, die Drohung des Todes und ihre Rettung durch die Freundschaft zu den Erscheinungen der wilden Natur und den Geheimnissen der Sprache. Es sind geheime Gedanken, Worte, sprachliche Bilder, die ihrem lyrischen Ich eine Heimat in der Trostlosigkeit und Unbehaustheit der Städte im diktatorischen Staat geben: „Der Mond ist Trommel, halbes Katzengesicht oder lange Haarnadel.“

Müller gestaltet mit ihrer Erzählung eine kalte Welt aus, die sie im Sozialismus erfuhr. Eine Welt, in der sich Menschen misstrauisch begegnen, zu Feinden werden, in der man sich in seinen eigenen Wänden nicht sicher fühlt. Die Autorin erzählt, wie der Geheimdienst sie, die als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik arbeitete, immer wieder unter Druck setzte. Man wollte sie als Spitzel gewinnen.

Sie hält die Rede in einer Zeit, in der die populistischen Bewegungen Aufwind haben, in der sich ein Festival wie die Ruhrtriennale genötigt sieht, die Gültigkeit der europäischen Werte zu überprüfen. Es kann nur eine Schlussfolgerung geben: für diese Werte, für Demokratie und Freiheit einzustehen.

Max Florian Kühlem

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