Als Suzan Köcher's Suprafon am Samstag am langen Ende der Dortmunder Speicherstraße ihre letzte Nummer vor den danach stürmisch geforderten Zugaben spielen, rollt neben dem Bühnengelände eine alte Rangierlok ins Bild, auf dem Weg zum Containerhafen. Die Musiker lachen, freuen sich und lärmen erst recht weiter. Die Szene ist prototypisch für ein Pott-Wochenende, das psychedelischen Rock vom Feinsten bietet.
Industriekathedralen
Doch erst lädt am Freitag die Ruhrtriennale in den Landschaftspark Nord in Duisburg. Die Kulisse ist großartig. Das Gelände wird gerahmt von fünf Hochöfen, der letzte 1985 abgeschaltet. Ab 1901 war im Thyssen-Werk Roheisen produziert worden. Seit 1994 kann man hier stattdessen klettern, tauchen oder sich darüber freuen, wie Natur und Kultur vom Terrain Besitz ergreifen. Das Ruhrgebiet ist voll von solchen Industriekathedralen.
Für die Istanbuler Musikerin Gaye Su Akyol ist dieses Setting in der Gießhalle ein gefundenes Fressen. Mit großer Geste setzt sie sich und ihre Musik in Szene, die dem Ziel dient, künstlerische, persönliche und damit politische Befreiung einzufordern und vorzuleben – „gegen das Vergessen, gegen Schweigen, gegen Apathie“.
Massiv, euphorisch
Ihr Anadolu Rock verquirlt traditionell orientalisch anmutende Melodien und Motive mit sehr krachendem, elektrischem Rock. Der massive Sound ist der Historie der heißen, lauten Schwerstarbeit der Stahlkocher angemessen – allein die Temperaturen dieses Abends im Spätsommer sind zu angenehm. Ihre beiden Bandmitglieder spielen in der Tradition lateinamerikanischer psychedelischer Surfgitarrenmusik maskiert; erst zur letzten halbe Stunde nehmen sie die Masken ab. Die zahlreich vertretenen Deutschtürken, in der herkömmlichen Kulturrezeption sträflich unterrepräsentiert, singen oft aus vollen Kehlen und textsicher mit. Es sind die schönsten Momente dieses in Sound und Optik brachial schönen Abends.
Das setzt sich am nächsten Tag triumphal fort mit dem Auftritt von Suzan Köcher's Suprafon beim 15. Dortmunder Hafenspaziergang. Die Gütergleise links, eine Partyzelt-Bühne vor und auf Geröll (diese Steine …!), rechts der Bühne der langsam verglühende Abendhimmel, Seifenblasen, im Hintergrund Hafenkräne. Psychedelic Dream Pop Disco, euphorisch gefeiert, ein echtes Gemeinschaftserlebnis. Vielleicht Deutschlands beste Liveband derzeit? Mir fällt gerade keine bessere ein.
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