Nun fuhr er wirklich in die Welt hinaus. Und die Welt lag in den 20er Jahren in Berlin. Der 16-jährige Karl Siebrecht kommt nach dem Tod seiner Eltern in die Hauptstadt. Im Kopf den amerikanischen Traum, im Koffer nur ein paar Anziehsachen. Schon am Bahnhof fällt er den Taschendieben in die Hände, doch die Berliner Göre Rieke Busch rettet seinen schmalen Besitz. Der Bahnhof ist auf der großen Bühne des Bochumer Schauspielhauses eine schwarze Fläche, ein paar Metallstreben mit Neonröhren lassen die für die damaligen Verhältnisse futuristischen Hallen erahnen. Intendant Anselm Weber hat Hans Falladas Roman „Ein Mann will nach oben“ dramatisiert (Textfassung: Weber und Sabine Reich) und in seiner eigenen Inszenierung ziemlich filetiert, ohne das Wesen des damaligen Lebensgefühls zu kappen.
Wie in Peter Zadeks historischer Version von „Kleiner Mann – was nun?“ arbeitet auch Weber mit revuehaften Metaphern. Lässt Statisten in historischen Kostümen flanieren, der Zeitungsverkäufer sucht auf der Straße für die internationale Presse seine Kunden, Gassenhauer erklingen und die Revuegirls steppen. Klar, das ist für Karl eine eher surreale Welt, ganz anders als die dörfliche Uckermark. Aber für diese Welt braucht man Geld, um sich das Leben und die Sehnsüchte auch finanzieren zu können.
Auf der rotierenden Drehbühne prallt er schnell mit dem reichen Baulöwen Kalubrigkeit über die menschenunwürdigen Lebensumstände auf seinen Baustellen zusammen, doch er lernt auch dessen zynischen Schwager Bodo von Senden kennen, der ihm auf dem Weg an die Spitze behilflich sein will. Karl will nach oben, will Berlin erobern, will Einfluss und Geld – und, ja, das weiß er eigentlich selbst noch nicht, denn in der Sehnsucht nach Glück steckt immer auch das Unglücklichsein. Oben auf der Pyramide ist es einsam, und von Senden stellt die entscheidende Frage: „Was wirst du tun, wenn du Berlin erobert hast?“, eine Frage, die sich durch das ganze Stück zieht und immer wieder über die Bühne hallt. Weber inszeniert abwechslungsreich, die Zeit verfliegt, immer wieder durchbrechen historische Fetzen die Handlung, erklingen Lieder der Zeit, und Berliner Szenen flimmern über die Rückwand.
Für Karl geht es tatsächlich aufwärts. Er hat großartige Ideen und mit Rieke, bei der er wohnt, einen ansehnlichen Rückhalt. Er lernt den Matrosen Kalli kennen, nimmt ihn auf, das Trio wird sich gemeinsam durch zwei Jahrzehnte deutscher Zeitgeschichte kämpfen. Man baut ein Transportgeschäft auf, revolutioniert das Gepäckwesen der Bahn, ganz modern mit Automobilen. Das Geld bleibt knapp, doch die Zukunft wirkt rosig, der erste Weltkrieg beendet das abrupt. Fallada vermengt geschickt politische und persönliche Geschichte, zeigt den Fortgang der Industrialisierung und das gleichzeitig stattfindende menschenfressende Deutschtum. Berlin wird öde, Karl ist im Krieg, zuhause finden sich fast aus Not Kalli und Rieke. Hier setzt Weber einen entscheidenden Bruch, springt fast unmerklich in der Zeit, immerhin inszeniert er ja keine 13-teilige Fernsehserie wie in den 70ern. Er muss die epischen Teile des Romans durch seine Schauspieler transportieren, und dieser verbale Klappmechanismus funktioniert perfekt.
Nach dem Krieg rückt die Regie den legendäre Berliner Nachtclub „Weiße Maus“ auf der Bühne ins Zentrum, Karl hat Rieke geheiratet, steht mit der Gleichheit von Kind und neuen Ideen auf Kriegsfuß. Sein Ideal ist die Ehe nicht, aber das merkt er zu spät zwischen den leicht bekleideten Tänzerinnen, die ihm Mischa Spolianskys „Alles Schwindel, überall wohin du guckst“ um die Ohren hauen, während er in der unbegabten Sängerin Maria Molina, die den alten von Senden ehelichen will, um endlich auch „einen Fuß auf der Leiter“ zu haben sein ideelles Alter Ego wahrnimmt. „Was wirst du tun, wenn du Berlin erobert hast?“ Die Frage stellt sich am Ende gar nicht mehr. Der einflussreiche Karl, längst von Rieke geschieden, von der einst geliebten Hertha angeödet, geht ins Dunkel. Der Ausgang bleibt offen, die einstigen Träume und Hoffnungen dreier junger Menschen haben sich in der Berliner Luft aufgelöst. Großartiges Theater.
„Ein Mann will nach oben“ | R: Anselm Weber | So 6.7. 18 Uhr | Schauspielhaus Bochum | 0234 33 33 55 55
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