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Lachte selbst eigentlich nicht wirklich: Volker Pispers
Kevin Vitt

Kabarett an der Schmerzgrenze

29. November 2015

Volker Pispers mit „Bis neulich“ am 27.11. im Ruhrcongress – Bühne 11/15

Volker Pispers (57) macht seit über 30 Jahren Kabarett. Seine ersten 15 Jahre verliefen relativ ereignisglos. Damals spielte er vor nur wenigen Gästen, u.a. im Bahnhof Langendreer, der die heutige Show mitorganisierte. Heute hingegen genießt er Kultstatus auf breiter Basis, was er selbst wahrscheinlich nie so sagen würde. Seinen Erfolg verdankt er, neben seiner unnachgiebigen Ausdauer, wohl vor allem seinen sozial-politischen Überzeugungen. In den letzten 15 Jahren, gewann sein Wort zunehmend an Einfluss. Seine Thesen mutierten zu einem Kanon, der, so scheint es, von vielen zur eigenen politischen Positionierung genutzt wird. Innerhalb sozialer Netzwerke gehört das Posten seiner Mitschnitte und Zitate längst zum Alltag. „In Dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst“, so das bekannte Zitat von Augustinus, das sich förmlich aufzwingt, wenn man Pispers live erlebt. Die gespitzten Ohren seiner Gäste, die man ruhig Fans nennen darf, wären ihm wohl auch ohne Stehtisch, Wasserglas, Mikrofon und Scheinwerfer sicher. Das Programm „Bis neulich“ wird bereits seit 2002 immer wieder erfolgreich aktualisiert – das Suchen und Finden des Neuen im stetig Gleichen. Auch an diesem Abend im RuhrCongess führte Pispers seinen linksorientierten Vortrag, gewohnt schonungslos und stets unterhaltsam. Ein Pispers‘scher Rundumschlag gegen den Kapitalismus. So wissensgetränkt, mutig und bildend, wie absolut respektlos gegenüber Autoritäten und Ungerechtigkeiten. 

„Willkommen im politischen Kabarett“, so seine Begrüßung des Publikums, das Pispers lautstark feiert. Der Kabarettist verschont es dafür aber nicht vor seelischen Schmerzen der Erkenntnis oder Schuldzuschreibungen. Auch heute stehen Wohlständs-Gemütlichkeit und Ignoranz, kollektive Naivität und Dummheit, politisch-wirtschaftlicher Lobbyismus oder soziale Ungerechtigkeit am Pranger. Ein nachdrücklich erteilter Rat an alle ergeht gleich zu Beginn: Kabarett-Karten sollten generell immer sorgfältig aufbewahrt werden. Im Ernstfall solle man einfach den kartengefüllten Karton rauskramen und so beweisen: „Wir waren im Widerstand!“. Der Saal lacht leicht verstohlen auf. Pispers schwarze Pointen sind oft mit Gesellschaftskritik gespickt.   

Die Massenmedien sind es, die seit jeher einen Ehrenplatz in Pispers Fadenkreuz innehaben. Die „organisierte Gehirnwäsche“, sei mittlerweile leider abgeschlossen, so der frühere Englischlehrer schwermütig, um im nächsten Atemzug die Namen hinter der Verdummungsmaschinerie, sei es Axel Springer oder Bertelsmanndie, zu durchleuchten. Und er legt nach: Alle vier Jahre, derart erfolgreich „eine Richtungswahl auf einem einzigen Gleis“ zu inszenieren, sei „wirkliche Macht“. Folglich sprach er über die Effekte wochenlanger, monotoner Beschäftigungs- und Ablenkungsmaßnahmen auf die Gesellschaft, die schlichtweg mit Angst regiert würde. Angst vor einer drohenden Euro- und Schuldenkrise, vor Terroranschlägen, Flüchtlingen, Islamisierung oder Arbeitslosigkeit. Wenn das aber alles nicht wäre, „dann wäre doch jetzt eigentlich Grippesaison“, so Pispers lakonisch. Mit der Gehirnwäsche verhielte es sich übrigens wie mit echter Wäsche: „Wenn man nur lang und heiß genug wäscht, schrumpft sie“.  

Das Tempo des Abends ist rasant und der Informationsgehalt hoch. Sich, immer wenn nötig, auf fundierte, empirische Daten und Fakten stützend, schlängelt sich Pispers durch einen komplex-konstruierten und teils beängstigenden Polit-Dschungel: Die Griechenlandkrise als Griechenlandlüge, Deutschland als kriegstreibender Waffenexporteur, die USA als Gelderpresser im Nahen Osten, Merkel als inkompetenter „FC Bayern deutscher Politik – wenn auch ohne Pepp“, die DDR als gut organisierte Arge, das Magazin Focus „als journalistisches Endlager“, europäische Zinspolitik als kriminelle Straftat am Bürger, Banken als „Füchse, die den Gänsestall sichern sollen“ oder die AfD als „Affen für D-Mark“. Pispers bot höchst abwechslungsreiche kabarettistische Kostproben. Bei der AfD, handele es sich übrigens um „Nationalkapitalisten“ – das Schlimmste von FDP und NPD käme hier zusammen. Es folgt ein weiterer Ratschlag: Wer sich Kapitalismus im Endstadium ansehen will, der müsse in die USA fahren. Diese lägen nunmehr bei 30 Mord-Toten am Tag, was im Irak Bürgerkrieg genannt würde. Die Reichen leben bereits abgeschottet und selbst die Demokraten seien dort so rechts, dass man „Edmund Stoiber als Kommunist aus dem Land jagen würde.“. „Könnte es sein, dass 30% der Amis sich in der DDR inzwischen wie im Paradies vorkämen?“, so die rhetorische Frage ans Publikum. Dennoch würde der Kapitalismus weiterhin als alternativlose „Religion“ propagiert. Die Götter dieses Glaubens heißen „Wachstum“ und „Produktivität“. Doch was wäre die Alternative? Pispers ist nicht nur Humorist und fordert ein bedingungsloses Grundeinkommen und ein System „sozialistischer Demokratie“.

Interessanterweise ist Volker Pispers vermehrt für seine radikalen Thesen, in Bezug auf symbiotische und kriminelle Zusammenhänge innerhalb politisch-wirtschaftlich-medialer Strukturen berühmt – kurzum: Verschwörungstheorien. Es gibt wohl kaum ein anderes Wort, mit Ausnahme von „Kevin“, dem in den letzten 14 Jahren, öffentlich und flächendeckend, eine derartig negative Konnotation eingehämmert wurde. Pispers, dessen Darbietung durchaus universitären Vorlesungscharakter besitzt, entzieht sich diesen Konnotationen jedoch vollends. In Anbetracht seiner akribisch recherchierten Herleitungen, seines riesigen politisch-wirtschaftlich-sozialen Wissensfundus und seiner bissigen Scharfzüngigkeit, wird eine Gegenargumentation mindestens schwierig. Auch sein heutiges Publikum, lädt er nicht nur einmal zu Überprüfung seiner gelieferten Zahlen ein. Was sonst als Verschwörungstheorie belächelt wird, nehmen die Leute bei Pispers ernst. Er schenkt politischen Querdenkern, Kritikern und Intellektuellen nicht nur Hoffnung auf Veränderung, sondern gibt ihnen auch einen Teil ihrer Glaubwürdigkeit, Ehre und Bedeutung zurück. Pispers erinnert uns zudem daran, wie wichtig eine leidenschaftliche, politische Streitkultur ist. Das macht ihn zu einer der wichtigsten Personen seines Metiers und unserer Zeit.

Kommende Termine:

Di 8.12. | Savoy Theater, Düsseldorf | www.savoy-theater.de/

Kevin Vitt

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