Würde man den in Bielefeld geborenen und heute in Duisburg lebenden Abdelkarim (33) nach seinen Stärken fragen, würde er schmunzeln. Denn er wüsste, dass seine Antwort wohl den meisten Erwartungen nicht entsprechen würde. Abdelkarim weiß zu überraschen und macht das in den letzten Jahren immer erfolgreicher.
Sein Programm „Zwischen Ghetto und Germanen“ verzichtet größtenteils auf politische Anekdoten, Querverweise zu aktuellen Debatten oder Stellungnahmen zum europäischen Rechtstrend, Islamismus oder Terrorismus. Der Stand-Up-Komiker setzt da an, wo Klischees zwischen Ethnien entstehen: Im Alltag. Die Performance gestaltete sich als eine satirische Zeitreise durch Abdelkarims Leben und als ein Spagat zwischen den Klischees, die über Kulturen kursieren.
Um 20 Uhr betrat er unter lautem Applaus und vor ausverkauftem Haus die Bühne. In lockerer und „typischer“ Streetwear – Turnschuh, Jogginghose, Lederjacke, dazu Glatze und Bart – eröffnete Karim, nachdem er sich selbst laut angekündigt hatte, die Show, indem er locker plauderte. Das Eis musste schließlich erstmal gebrochen werden und so konnte sich das Publikum nach beruhigenden Sätzen wie „Die Tasche müssen sie nicht so festhalten, ich mach nichts“, entspannen.
Der Anfang des Programms drehte sich um den Grundschulalltag des jungen Abdelkarim. „Abdelkarim klingt nicht wirklich deutsch“ – und so begab sich eine imaginäre Grundschullehrerin auf die Suche nach einem hart klingenden, arabischen Kehllaut, der sich irgendwo in diesem Namen verstecken musste, während andere Grundschüler ihn fragten, wann er denn sein erste Kamel bekommen habe.
Seine Authentizität als vermeintlicher „Ausländer“, gepaart mit perfektem Deutsch, gab dem Abend von Beginn an eine besondere Würze, die die Skurrilität von Vorurteilen offenbarte.
Die weiteren Themen gestalteten sich nicht weniger unterhaltsam. Der Comedian griff aktuelle Medienpropaganda gekonnt auf und erschuf u.a. Duisburg als „Hauptstadt Rumäniens“, in der es inzwischen nur noch „Döner mit Zigeunersauce“ gäbe. Dagegen zeigte er sich zum Thema Integration generell optimistisch: Es sei ein Fortschritt, dass die Deutschen heute ohne Vorurteile eine Hausratsversicherung bei jemandem abschließen, der Achmet hieße. Früher haben sie dagegen eine abgeschlossen, weil ihr Nachbar Achmet hieß
Abdelkarim, der den ganzen Abend gekonnt und ohne albern zu wirken verschiedene Klischees wiederspiegelte, gelang es immer wieder, universelle Themen miteinzubeziehen und zwischen den Kulturen zu vermittteln. Sein Witz über eine geheimnisvolle Sprache, die eine Gruppe Teenager in der U-Bahn sprach und welche er nach langem Rätselraten als „facebook“ entlarvte, ist nur ein Beispiel für Themen abseits von Migration.
Im Laufe des Abends hangelte sich Abdelkarim thematisch noch durch Bahnhöfe, Hauptschulen, Arbeitsämter, Bewerbungsgespräche und die Türsteherszene. Außerdem wurde die Hip Hop-Szene, durch die Veralberung bestimmter Rapzitate aufs Korn genommen und dadurch ebenso als Herd für Klischees enttarnt. Abdelkarim wirkte dabei stets selbstkritisch und versöhnlich – ohne dabei auf einer Seite zu stehen. Seine Show zeichnete sich durch ein hohes Maß an Publikumsinteraktion und den Verzicht auf Obszönitäten oder Schläge unter die Gürtellinie aus. Noch wichtiger erscheint jedoch, gerade mit Blick auf das aktuelle Zeitgeschehen die Botschaft, welche der Comedian bereits zu Beginn des Abends verkündete: „Es kann ein schöner Abend werden, wenn wir ohne Erwartungen daran gehen. Erwartungen machen viel kaputt.“ In diesem Sinne durchquerte er die Grauzone zwischen Schwarz und Weiß oder eben zwischen „Ghetto und Germanen“.
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Die kleinen Erfolge feiern
Brookln Dekker in Bochum – Musik 05/26
Facetten des Antisemitismus
Vortrag und Diskussion im Bahnhof Langendreer Bochum – Spezial 12/25
Bis das Regime gestürzt ist
Mina Richman im Bochumer Bahnhof Langendreer – Musik 09/25
Hartmut und Franz
Oliver Uschmann und sein Roman über das Verschwinden von Kafka – Literaturporträt 06/25
Die Ruhe im Chaos
Emma Ruth Rundle in Bochum und Köln – Musik 07/24
Unterschiedliche Erzählungen
Vortrag zur Geschichte des Nahostkonflikts in Bochum – Spezial 03/24
Geschichte der Ausbeutung
„Wie Europa Afrika unterentwickelte“ im Bochumer Bahnhof Langendreer – Spezial 02/24
Musik mit Sogwirkung
Derya Yıldırım und Grup Şimşek in Bochum – Musik 12/23
Dokumentation rechten Terrors
„Der Halle-Prozess“ in Bochum – Spezial 03/23
Knotenpunkt der Kultur
Bahnhof Langendreer feiert 36-jähriges Jubiläum – Prolog 07/22
Belletristik für Bestandskunden
Heinz Strunk in Bochum – Literatur 04/22
Alle Macht den Care- und Energieräten
Gabriele Winker in Bochum – Literatur 04/22
Berufung auf Umwegen
Nikita Miller zu Gast in Langendreer
Bühne frei
Poetry und Open Mic Bühne mit Ajayini Sathyan
Alles auf Prüfstand
Politisches Kabarett mit Jean-Philippe Kindler
„Wir gehen den Weg zusammen“
Aurel Dawidiuk wird neuer Intendant und GMD der Bochumer Symphoniker – Interview 07/26
Urban Arts und Wüstenkunde
„Magec / the Desert“ auf PACT Zollverein in Essen – Tanz an der Ruhr 07/26
Die Läuterung der Bösen
„Der Sturm“ im Schlosspark Bochum Weitmar – Prolog 07/26
„Wir opfern unsere Welt für Fortschritt“
Regisseur Philipp Preuss über „Circus Oresteia“ im Mülheimer Raffelbergpark – Premiere 07/26
Ein Jahr lang gute Taten reichen nicht
„Die kleine Hexe“ beim Düsseldorfer Sommertheater im Park – Prolog 06/26
Freiheit, Krieg, Einsamkeit
„Ptah VI“ am Essener Aaalto Theater – Tanz an der Ruhr 06/26
Freiheit gegen Tyrannei
„Die Räuber“ am Bochumer Schauspielhaus – Prolog 06/26
„Die Szene ist noch sehr lebendig“
Leiterin Franziska Werner über das Impulse Festival 2026 in NRW – Premiere 06/26
Schrecken aus Eis und Finsternis
Fidena in Bochum: Marionetten aus Eis gleiten auf Virginia Woolfs Wellen – Bühne 05/26
Die Umschulung des Übels
„Adams Äpfel“ am Moerser Schlosstheater – Prolog 05/26