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Szene aus „Days in the Sun“
Foto: Rafif Alkafri

Zeitlose Revolution

02. Oktober 2018

„Days in the Sun“ im Theater an der Ruhr, Mülheim – Bühne 10/18

Ohne Krieg und in einer Demokratie wäre all das nicht möglich gewesen, resümierte Heiner Müller Anfang der 90er Jahre über das Theater im Allgemeinen und sein Werk im Besonderen. Das klang zynisch in den Ohren seiner ZeitgenossInnen. Doch die Bühne war für den DDR-Dissidenten der Ort, an dem die universellen Fragen gestellt werden: Freiheit und Gerechtigkeit, Leben und Tod. Aktuell erfahren diese zeitlosen Fragen eine Renaissance auf den deutschsprachigen Bühnen. Weniger vom eigenen, postmodernen Dekonstruktionstheater, sondern von syrischen Exil-AutorInnen und RegisseurInnen wie Mohammad Al Attar oder eben Mudar Alhaggi. Letzterer probt aktuell mit dem Kollektiv Ma‘louba für das Stück „Days in the Sun”.

Im Mittelpunkt des Stücks steht die junge Frau Farah (gespielt von Baian Aljeratly), die sich der Revolution in Syrien anschließt. Sie will sich von den gesellschaftlichen und familiären Zwängen befreien. Doch es kommt anders. Alhaggi nahm das zum Ausgangspunkt, um unter anderem den politischen und sozialen Wandel in seinem Herkunftsland zu beleuchten. Sein Ziel war jedoch keine dokumentarische Chronik in der Tradition des dokumentarischen Theaters wie zuletzt etwa Mohammad Al Attars „The Factory” im Rahmen der Ruhrtriennale. „Es geht da um patriarchalische Strukturen”, erklärt Alhaggi über „Days in the Sun“. So sind es die universellen Fragen, die das Kollektiv im Rückblick auf die revolutionären Ereignisse auf der Bühne verhandeln will. Kein Stück über Krieg und Revolution. Diese Motive möchte das Kollektiv Ma‘louba, das zuletzt das Stück „Your Love is Fire” inszenierte, auch hinter der Bühne berücksichtigen. Multikulturell, divers, basisdemokratisch, so beschreiben die Ensemblemitglieder ihre eigene künstlerische Arbeit. Im Theater an der Ruhr unter der Intendanz von Roberto Ciulli hat das Tradition.

„Es geht darum, deine eigene Revolution, deine eigene Stimme in dieser Gesellschaft zu finden“, erklärt Darstellerin Amal Omran, die als eine der renommiertesten arabischsprachigen Darstellerinnen gilt. In der Inszenierung spielt die Syrerin Donya, eine Freundin von Farah. Omran erlebte die gesellschaftliche Aufbruchstimmung im Assad-Staat vor Ort. Umso einfacher war es für sie, sich direkt in die erste Szene hineinzuversetzen, in der Farah und Donya an ihrer ersten Demonstration teilnehmen – und es mit dem ersten Kuss vergleichen. Omran: „Bei der ersten Demonstration hatte ich auch dieses Pochen im Bauch. Als wir diese erste Szene probten, kamen mir diese Erinnerungen hoch.“

Für das Ensemble ging es da auch um einen Rückblick: Welche Hoffnungen gab es? Welcher Wandel hat sich in der Gesellschaft ereignet? Und welche Zukunft haben die Menschen im Land. „Die Revolution war für Freiheit, aber die Revolution fand sie nicht“, blickt Omran zurück. Was ungelöst blieb, soll auf der Bühne verhandelt werden, als universelle Tragödie. „Für mich persönlich gab uns die Revolution den Schock, den wir brauchten“ erinnert sich Mudar Alhaggi. „Denn es kamen Fragen auf, die wir uns vorher nicht stellten.“ Ähnlich meinte es auch Heiner Müller mit seinem Bonmot über den Bühnenblick auf Krieg und Unterdrückung.

„Days in the Sun" | R: Mudar Alhaggi | Do 4.10., Fr 5.10., Fr 19.10. 19.30 Uhr | Theater an der Ruhr Mülheim | www.theater-an-der-ruhr.de

Benjamin Trilling

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