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Rolf Dennemann, artscenico e.V., 50 Menschen
Foto: Guntram Walter

„Was soll Radikalität – wir müssen handeln“

25. August 2016

Holger Bergmann über das Theaterfestival Favoriten 2016 in Dortmund – Premiere 09/16

Alles nur Ausreden: Der künstlerische Leiter über das Festival der freien Darstellenden Künste in NRW, das sich der Stadtgesellschaft und ihrer Inszenierung widmet.

trailer: Herr Bergmann, warum soll ich mir von Theaterfuzzis etwas über Politik erzählen lassen?
Holger Bergmann: Weil das Theater und die Theaterleute natürlich politische Menschen sind wie jeder andere auch und weil sie bestimmte Verhaltensweisen erforschen, die für unser Zusammenleben wichtig sein können. Wir sehen gerade, dass die Demokratie immer fragwürdiger wird, weil sich immer weniger daran beteiligen. Und ich glaube, es ist wichtig, die Grenzen unserer Kommunikation auszuloten. Ein Beispiel ist die Theatergruppe Sir Gabriel Dellmann mit ihrem Stück „Poser“. Die machen seit langem politische Theaterabende, an denen sie Fragestellungen des Zusammenlebens, aber auch wie unsere Politik repräsentiert wird, hinterfragen.

Kann denn freie zeitgenössische Darstellende Kunst immer nur die Tagespolitik bedienen, sind die großen Fragen des Theaters nicht mehr relevant?

Holger Bergmann
Foto: Björn Stork

ZUR PERSON

Holger Bergmann (*1965 im Ruhrgebiet) ist seit 2015 Kurator für Urbane Künste Ruhr und war Gründungsmitglied und bis 2014 Künstlerischer Leiter des Ringlokschuppens. Er studierte Sozialpädagogik und Theaterwissenschaft, entwickelte Stadtraumprojekte wie „54. Stadt“, ist kulturpolitisch aktiv und seit 2016 Geschäftsführer des Fonds Darstellende Künste in Berlin.


Die großen Fragen des Theaters aus dem klassischen Kanon sind auch die, welche Königstochter wann und mit wem vielleicht geschlafen hat, oder auch nicht. Fragen nach wer wie wofür steht, für welche Haltung zum Gesetz oder zur Gemeinschaft oder zum Individuum, das sind ja so die großen Fragen des Theaters, der Tod und das Leben. Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, heute viel universeller zu denken. Das versuchen wir auch mit dem Festival, überhaupt wieder eine Form von Wahrnehmung jenseits der eigenen sozialen Blasen und Sicherheiten zu etablieren, für die heutige Gesellschaft so eine Art Bestandsaufnahme. Dafür gehen wir ins Unionviertel und dafür verbinden wir uns mit ganz vielen Akteuren des Unionviertels, von dem Altersheim übers Gasthaus, über das Dortmunder U und den Gewerbehof, über den Adlerkiosk, mit vielen Initiativen, die selbst keine direkten Räumlichkeiten haben. So dass man das, was Stadt ist, in dieser Vielfalt auch wahrnimmt und nicht ausgrenzt.

Dazu gehört dann auch das Symposium mit dem witzigen Titel?
„Alles nur Ausreden“? Ja, für „Ausreden“ haben wir eine ganze Reihe von Terminen gemacht. Das ist eine Reihe, die schon im Vorfeld des Festivals läuft. Und der Titel ist genauso gemeint, im doppelten Sinne. Also nicht nur die klassische Podiumsdiskussion unddanach gehen alle wieder nach Hause.

Was ist, wenn das Publikum nicht zu Mitwirkenden im Paradies des Living Theatres werden will?
Wenn das Publikum das nicht will, dann braucht es das nicht. Das ist doch klar. Wir sind ja keine Mitmachveranstaltung. Wir sind eine Veranstaltung, mit der wir uns fürs Machen, fürs Herstellen stark machen – auch bei Cheers For Fears mit „Paradise Now“. Cheers For Fears arbeitet gemeinsam mit dem „Kaleidoskop“ in der Wilhelmstraße. Da wurden halt viele Akteure des Living Theatres interviewt, das heißt, die ältere Generation, „Paradise Now“ stammt ja auch 1968. Befragt Zeugen dieser Zeit, macht mit denen Workshops. Es geht nicht so sehr um das Mitmachen, sondern darum, wie die Sachen entstehen, dass sie in einem Miteinander, in diesem Fall aus Recherchen entstehen. Das Publikum wird nachher gar nicht so viel Mitmachtheater erleben, glaube ich.

Aber dafür kommen jetzt mit Violent Event auch die Hooligans auf die Bühne?
Das ist in der Tat so mit Verena Billinger & Sebastian Schulz, eine der spitzengeförderten deutschen Tanzkompanien, die sich da dem Thema Gewalt stellen. Und wir wissen, dass das Thema leider gerade sehr aktuell ist. Der Versuch ist hier, nicht über Gewalt zu sprechen, sondern Gewalt in Versuchsanordnungen auszuprobieren. Wie ist das, wenn dir ein schwerer Medizinball auf den Bauch fällt oder wenn dir jemand die Beine wegzieht. Das machen die Performer sozusagen nach festen Regeln. Und dieses Regelwerk führen sie uns vor.

Und wirtschaftswissenschaftlich wird der Neoliberalismus ad absurdum geführt?
Der wird nicht ad absurdum geführt, sondern der wird genutzt. Sehr häufig sagen wir, wir Künstler sind nicht neoliberal, aber das stimmt ja nicht. Wir sind auch Teil dieses sich immer mehr optimierenden Systems. Deshalb nutzen wir Strukturen des Neoliberalismus, um zu sagen, wir wollen Neosolidarität schaffen und zwar einen neosolidarischen Konzern mit Lukas Matthaei, der in Dortmund ja kein Unbekannter ist. Der hat bei dieser Konzernbildung mit vielen Communities zusammengearbeitet, die jetzt einzelne Fachabteilungen des Konzerns bilden werden und sich dann Formen von neuer Solidarität annehmen. Die große Gewinnausschüttung dieses Unternehmens findet in einem großen Ball am Ende des Festivals statt.

Seien wir mal ehrlich, richtig radikal sind eigentlich nur die 50 nicht inszenierten Menschen, die ausgestellt werden, und dass man dafür auch noch Eintritt bezahlen muss?
Das ist auf jeden Fall eine radikale Behauptung. Aber ich habe immer gesagt, es geht nicht um Radikalität heutzutage. Radikalität ist zu viel. Radikal ist eine Abgrenzung, eine Grenzüberschreitung, die gerade ja täglich im Fernsehen bei RTL stattfindet. Was soll also Radikalität – wir müssen handeln. Wir brauchen wieder Freiräume zum Denken, zum Denkspuren legen, zum miteinander Gehen, zur Kommunikation. Und nicht einfach radikale Behauptungen oder Pop-Behauptungen. Und in dem Sinne finde ich „50 Menschen“ eine starke Arbeit von Rolf Dennemann, der uns eigentlich zeigt, was wir im Anderen entdecken können und damit auch in uns selbst. Das ist, glaube ich, ein ganz starkes, altes Motiv des Theaters, und es spielt mit unseren Gedanken, wenn wir lebendige Menschenexponate sehen und uns ihre Biografien ausdenken.

Und wann findet die hochkulturelle Dekadenz in NRW endlich ihr Ende?
Das wird in NRW kein Ende finden, weil es gibt ja gute, hochkulturell gelegene Linien hier. Ob das immer in der Form wie es stattfindet sein muss, darüber kann man vortrefflich streiten. Ich finde, das Spannungsverhältnis zwischen Hochkultur und anderer Kultur ist mittlerweile sehr stark – auch publikumsmäßig – ineinander gewachsen. Ich finde wir haben hier eine Theaterlandschaft, die viele Elemente umfasst. Frei produzierende genauso wie die exklusiv produzierende, und in NRW wird das noch lange so weitergehen. 

Favoriten 2016 | 23.9.-2.10. | Dortmunder U und Unionviertel | www.favoriten2016.de

 

INTERVIEW: PETER ORTMANN

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