Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
22 23 24 25 26 27 28
29 30 1 2 3 4 5

12.558 Beiträge zu
3.787 Filmen im Forum

Erst Mensch, dann Roboter: Die zwei Leben des Thomas Melle
Foto: Gabriela Neeb

Wie hältst du's mit der Mensch-Maschine?

12. Juli 2019

„Uncanny Valley“ von Stefan Kaegi (Rimini Protokoll) am 10.7. auf PACT Zollverein – Bühne 07/19

Alan Turing entwarf 1950 einen Test, um herauszufinden, ob das Denkvermögen von Maschinen und Menschen gleichwertig sein kann. Die Skizze des Urvaters der Computer-Ära stellte dem Probanden einen Apparat und eine Person gegenüber. Im Test sollte der Fragensteller ohne Sicht- und Hörkontakt erraten, mit wem er es zu tun hat: Mensch oder Maschine? Denn sowohl Apparat als auch die Person versuchten in diesem Turing-Test den Probanden davon zu überzeugen, ein Mensch zu sein.

Was Turing damals als theoretische Skizze zeichnete, gebärt sich mittlerweile als so reale Imitation, dass der Robotiker Masahiro Mori diese irritierende Interaktion als „uncanny valley“ (unheimliches Tal) bezeichnete. So lautet auch der Titel dieses Ein-Personen-Stücks, bei dem der Schriftsteller Thomas Melle bereits auf der Bühne sitzt, als das Publikum in den Saal hereinströmt. Allerdings ist es nicht der wirkliche Melle. In seinem Hinterkopf ragt noch Hardware heraus und seine Gelenkbewegungen klingen mechanisch. Ein-Maschinen-Stück wäre wohl die bessere Bezeichnung oder müssen wir uns einfach an den Fortschritt einer digitalen Robotik-Ära gewöhnen?

Vier Tage verhandelten verschiedene Produktionen beim Festival „Blue Skies – Bodies in Trouble“, wie sehr diese neuen Technologien unsere Körper und unser Leben verändert. Übernehmen humanoide Roboter bald die Altenpflege? Und lockt diese neue Technik mit einem Leben, das menschliche Schwächen entbehrt, ein Leben ohne emotionale Schwankungen?

Um diese Frage dreht sich auch das Gastspiel, das Stefan Kaegi (Rimini Protokoll) gemeinsam mit Thomas Melle entwickelte. Da kauert sein digitaler Doppelgänger auf einem Sessel und philosophiert los über die grenzenlosen Möglichkeiten, welche die Robotik eröffnet: allen voran die einschränkenden Unregelmäßigkeiten, die mit seiner bipolaren Störung zusammenhängen. In seinem Erfolgsroman „Die Welt im meinem Rücken“ habe er 2016 diese psychiatrische Krankheit geistig in Buchform ausgelagert. Nun folgte eben die körperliche Auslagerung. Auf einem Bildschirm werden die Lebensstationen des Schriftstellers eingeblendet, die die Melle-Maschine kommentiert – und zwar mit wenig Fortschritts- und Technik-Skepsis.

So erwähnt Melle regelmäßig Alan Turing, über den er eigentlich zuerst schreiben wollte. Bis ein manischer Schub die Pläne durchkreuzte. Als Mensch-Maschine ohne Gefühlsschwankungen, ohne Erkrankungen wäre das Projekt vielleicht möglich. Oder gehört zum Menschsein zwangsläufig der Zufall, das Ungewisse? Melle erwähnt zum Ende der Performance einen Schicksalsschlag im Leben von Turing, der wegen seiner Homosexualität erst verfolgt, schließlich zwangsmedikamentiert wurde. Depressiv wandte er sich vor seinem Freitod der Biologie zu. Der Denker der Algorithmen wollte die Welt des Zufalls studieren. „Der heutige Abend ist dieser Form der Schönheit gewidmet“, sagt der Android.

Zuvor hat er allerdings mit jenem menschlich-maschinellen Unbehagen gespielt: Als Roboter sei er codiert, die menschlichen Gefühle nachzuempfinden. Aber gilt das auch umgekehrt? Einfühlung (immerhin ein Zentralbegriff einer über 2000 jährigen Theatergeschichte) in einen Computer? Die Antwort ist ein Publikumsapplaus, der verunsichert loströpfelt, denn dieser Performance-Abend erscheint eben wie ein unheimlicher Turing-Test.

Benjamin Trilling

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.

Neue Kinofilme

Challengers – Rivalen

Lesen Sie dazu auch:

Fortschritt ohne Imperialismus
„Libya“ auf PACT Zollverein – Tanz an der Ruhr 02/24

Vernetzung und Austausch
Kultur Digital Kongress auf PACT Zollverein – Gesellschaft 10/23

Die Trommel mal ganz vorne
„Schlagzeugmarathon“ in Essen – Improvisierte Musik in NRW 08/23

Einblick in die Imaginationsmaschinerie
„A Day is a Hundred Years“ auf PACT Zollverein – Tanz an der Ruhr 06/23

Ruhrpott als Hiphop-Heimat
Neues Urban Arts Ensemble Ruhr von Pottporus e.V. – Tanz an der Ruhr 06/23

„Orte der Kunst könnten etwas anderes sein“
Stefan Hilterhaus über die Kunstproduktion – Interview 04/23

Das Ende einer Spezies?
„The Very Last Northern White Rhino“ auf PACT Zollverein – Tanz an der Ruhr 02/23

Verflüchtigung der Männlichkeit
„Bisonte“ auf PACT Zollverein – Tanz an der Ruhr 02/23

Indigener Widerstand
„Encantado“ auf PACT Zollverein – Tanz an der Ruhr 08/22

Ausbeutung der Zukunft
„Out of the Blue“ auf Pact Zollverein – Festival 07/22

Von der Kaue zum Kulturtempel
PACT Zollverein feiert 20. Jubiläum – Bühne 05/22

Tanz Performance mit Mensch und Maschine
„Future Fortune“ auf PACT Zollverein

Bühne.

Hier erscheint die Aufforderung!