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Foto: Maximilian Pramatarov

Körperpolitik und Ekstase

28. Juni 2024

„Tarab“ auf PACT Zollverein – Tanz an der Ruhr 07/24

Als es im Iran nach dem Tod einer Frau durch die Sittenpolizei im Herbst 2022 zu landesweiten Protesten kam, wollte auch Ulduz Ahmadzadeh ein Zeichen setzen. Wie viele andere Frauen entschied sich die iranisch-österreichische Choreografin und Tänzerin dazu, ihre Haare abzuschneiden. Ihr Griff zur Schere erfolgte auf der Bühne nach der Vorstellung ihres Tanzstücks „Tarab“, das damals Erstaufführung im Rahmen des einwöchigen feministischen Kunst-Festivals Tashweesh in Wien feierte. Damit leistete Ahmadzadeh körperpolitischen Widerstand gegen die verknöcherte Ideologie des Mullah-Regimes, das den eigenen Bürgerinnen eine Kopftuchpflicht auferlegte. 

Im Juli ist „Tarab“ zu Gast auf PACT Zollverein. Ähnlich ihrer Geste in Wien ist auch Ahmadzadehs Stück Ausdruck der Freiheit und Selbstbestimmtheit des weiblichen oder viel eher jeglichen Körpers. Denn in persischen und iranischen Kulturen verweist der Begriff „tarab“ auf ein Gefühl von Ekstase, das den Körper ergreift, sobald Musik erklingt. Rhythmus und Takt sorgen nach dieser Vorstellung für einen Zauber, bei dem sich Musik und Köper vereinen: zum Tanz – der in der Mullah-Theokratie verboten ist. Dabei sind es traditionelle, gar uralte Tanzformen, auf die Ahmadzadeh zurückgreift: auch, um sich diesen unterrepräsentierten Bewegungen und Zeremonien zu widmen, die an einigen Orten des Nahen und Mittleren Ostens als Ausdruck vorislamischer Kultur verboten sind. Diese Tanzmuster erfuhren eine Verzerrung, als sie vom Islam, aber auch dem westlichen Kolonialismus aufgegriffen wurden. Beide Herrschaftsströmungen präsentierten ein sexualisiertes und orientalisiertes Bild tanzender Frauen – und untersagten ihnen das gemeinsame Tanzen und Singen. 

Genau diese vorislamische, kollektive Praxis lässt Ahmadzadeh in ihrer Choreografie mit ihrer siebenköpfigen Atash Contemporary Dance Company wiederaufleben. Begleitet werden sie von den Klängen, die der renommierte, aus dem Iran stammende und in Berlin lebende Perkussionist Mohammad Reza Mortazavi der Rahmentrommel Daf und der mit den Händen geschlagenen hölzernen Bechertrommel Tombak entlockt. 

Tarab | 5., 6.7. je 20 Uhr | PACT Zollverein | 0201 289 47 00

Benjamin Trilling

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