Die politische Situation im arabischen Raum ist kaum überschaubar. Zwischen übersteigertem Anspruchsdenken und resignierter Ernüchterung schwankt zurzeit der Gefühlhaushalt vieler Revolutionäre. Die Proteste und damit auch das Sterben gehen immer weiter. Noch ist niemand bereit, die Revolution an die Islamisten oder ans Militär verloren zu geben. Täglich erreichen uns neue Meldungen über Kämpfe in Syrien oder jüngst aus dem Libanon.
Das Theater an der Ruhr macht nun den Versuch, Einsichten in die dortigen Prozesse zu gewinnen und hat für das Theaterfestival „Theaterlandschaften Neues Arabien“ sechs Theaterproduktionen aus vier Ländern (Tunesien, Syrien, Libanon, Palästina) eingeladen, die aktuelle Reaktionen auf die Umwälzungen zeigen, diese vorausahnen oder thematisieren. Zu sehen sind hochbrisante Aufführungen voller künstlerischer Kraft. Zu jedem (übertitelten) Stück gibt es eine Einführung und anschließend eine Publikumsdiskussion.
Ausgehend von der Grundsituation der einsamen Frau aus Franz Xaver Kroetz‘ „Wunschkonzert“ hat beispielsweise der Syrer Oussama Ghanam auch mit Texten von Dario Fo und Franca Rame und Mark Ravenhill eine Textkollage inszeniert, die die Lage der Frau in der zunehmend von Gewalt bestimmten, syrischen Gesellschaft untersucht. Der Titel ist eine Referenz auf den Filmklassiker von René Clair aus dem Jahr 1944, in dem einem Reporter das vermeintliche Glück zuteil wird, die Nachrichten von morgen zu erfahren, bis er von seinem eigenen Tod erfährt. Die Aufführung ist Ghanams Reaktion auf den von der absehbaren Katastrophe geprägten Zustand der syrischen Gesellschaft in den Jahren 2010 und 2011. Ghanam studierte Theaterwissenschaften in Damaskus und Paris und ist einer der wenigen, prominenten kritischen Intellektuellen Syriens.
Am Sonntag ist Dramaturg Rolf C. Hemke bei der Matinée zu „Theaterlandschaften Neues Arabien“ im Gespräch mit unseren Festivalgästen zur Situation in Syrien und Tunesien. Der Eintritt am Sonntag um 12 Uhr ist hier frei.
“It happened tomorrow”, Oussama Ghanam & Damascus Theatre Laboratory (Damaskus) - 27.10. um 21 Uhr, 28.10. um 20.30 Uhr
Theaterfestival "Theaterlandschaften Neues Arabien" | noch bis 28.10. | Probebühne TaR, Ruhrorter Str. 108, Mühlheim | theater-an-der-ruhr.de
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Gemeinsam gegen einsam
„Wo sind denn alle?“ am Moerser Schlosstheater – Prolog 02/26
Bett trifft Ballett
„Frida“ am Dortmunder Ballett – Tanz an der Ruhr 02/26
„Ein ungewöhnlicher Frauencharakter“
Dramaturgin Patricia Knebel über die Oper „Die Fritjof-Saga“ am Essener Aalto-Theater – Interview 02/26
„Das Stück stellt uns vor ein Dilemma“
Regisseurin Mateja Koležnik über „Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten“ in Bochum – Premiere 02/26
Zurück in den Sumpf!
Jean-Philippe Rameaus „Platée“ am Theater Hagen – Bühne 02/26
Witz, Tempo, Herz
Paul Abrahams Operette „Märchen im Grand-Hotel“ in der Oper Dortmund - Bühne 02/26
Das eigentliche Böse
„Deep Sea Baby“ im Mülheimer Ringlokschuppen Ruhr – Prolog 01/26
Manischer Maskenball
„Delirious Night“ auf PACT Zollverein in Essen – Tanz an der Ruhr 01/26
Die Flut aus toten Körpern
„Staubfrau“ am Theater Oberhausen – Prolog 01/26
„Eine Referenz auf Orte im Globalen Süden“
Regisseur:in Marguerite Windblut über „Der Berg“ am Essener Grillo-Theater – Premiere 01/26
Praktisch plötzlich doof sein
Helge Schneider präsentiert seine neue Tour – Prolog 12/25
Tanzbein und Kriegsbeil
Filmdoku in Düsseldorf: Urban Dance in Kiew – Tanz an der Ruhr 12/25
Der böse Schein
„Söhne“ in der Moerser Kapelle – Prolog 12/25
„Totaler Kulturschock. Aber im positiven Sinn“
Schauspielerin Nina Steils über „Amsterdam“ am Bochumer Schauspielhaus – Premiere 12/25
Verlorene Jahre
„The Drop“ am Jungen Schauspiel in Düsseldorf – Prolog 11/25
Kampf, Verlust und Liebe
Vorweihnachtliche Stücke für junges Publikum im Ruhrgebiet – Prolog 11/25
Tanz der Randfiguren
„Der Glöckner von Notre-Dame“ in Essen – Tanz an der Ruhr 11/25
„Jede Inszenierung ist eine Positionierung“
Regisseur Kieran Joel über „Antichristie" am Schauspielhaus Dortmund – Premiere 11/25
Das selbsternannte Volk
„Die Nashörner“ am Düsseldorfer Schauspielhaus – Prolog 10/25
Körper und Krieg
„F*cking Future“ auf PACT Zollverein in Essen – Tanz an der Ruhr 10/25
Foltern ohne Reue
„Törleß“ am Bochumer Rottstr 5 Theater – Prolog 10/25
„Subjektive Wahrnehmung ist verboten“
Regisseurin Jette Steckel über „Das große Heft“ am Bochumer Schauspielhaus – Premiere 10/25
Graf Fridol geht auf Nachtschicht
Musik-Improtheater beim Duisburg Fringe Festival – Festival 09/25
Auf einem Mistkäfer zum Olymp
„Der Frieden“ am Schlosstheater Moers – Prolog 09/25
Ein großartiges Schlachten
Elfriede Jelineks „Am Königsweg / Endsieg“ in Essen – Prolog 09/25