Im Märzen der Bauer …, vergessen wir diesen Scheiß. Rösser sind nur noch in Haft für die Freizeit, den Rest der Landwirtschaft haben längst militante Konzerne wie Monsanto unter Kontrolle. Und Kultur, oder besser Kulturlandschaften, ja wo haben wir die denn noch? Im Kamener Kreuz vielleicht. Dort hätte man vielleicht auch einer gewissen Isa begegnen können. Irgendwann im Sommer vielleicht. Manche kennen sie bereits aus dem Jugendroman „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf. Dieses starke Mädchen, das barfuß über die Müllberge gestreift ist, den beiden reisenden Jungen auf die Sprünge half und irgendwann wieder verloren ging.
Herrndorf, der sich 2013 am Ufer des Berliner Hohenzollernkanals wegen seiner fortgeschrittenen unheilbaren Erkrankung erschoss, hat in seinen letzten Wochen eine Fortsetzung für dieses Mädchen geschrieben, die posthum als nachgelassener unvollendeter Roman „Bilder deiner großen Liebe“ mit seinem Einverständnis veröffentlicht wurde. Längst hat der Text auch die Theaterbühnen erreicht, kein Wunder ist Herrndorfers „Tschick“ seit 2010 doch ein mächtiger Sitzreihenfüller geblieben. Zu Recht natürlich, und dennoch ist es schön, dass sich das Bochumer Prinz Regent Theater mit Frank Weiß dem leider finalen Werk des großen Germanisten-Hassers stellt und es Ende Februar zur Premiere bringen wird. Das sollte im Ruhrgebiet niemand verpassen, der an Isas irrwitziger Geschichte interessiert ist und natürlich den Roman nicht schon längst gelesen hat, oder gerade deshalb. „Bilder deiner großen Liebe“ oder Outsider aller Welt vereinigt euch.
Denn digitales Amüsement kann dem Wüten der Elemente nicht das Wasser reichen, geschweige denn einen einzelnen Pixel. Die Gegenbewegung zu Herrndorfers Fragment über Isa ist ein Multimediakonzern, dessen Erfindung menschliche Bewegung nicht mehr nötig macht, und über Cyborg-Körper, an denen nur noch der Kopf biologisch ist, nachdenken lässt. Denn in Zeiten der planetenumwickelnden Glasfaser wissen wir, weite Ferne gibt es doch gar nicht mehr. Das verkündet auch das Werbe-Motto („Mit Skype bleibt die Welt im Gespräch“) des kostenlosen Chat-Dienstleisters Skype, der es nicht nur in den Duden geschafft hat. Vor zwölf Jahren noch Start-Up Unternehmen, heute ein weltweit operierendes Unternehmen im Microsoft-Portfolio. Über alle Grenzen hinweg schaut man sich in digitale Augen, vorausgesetzt man besitzt ein kleines Gerät dafür und etwas Energie. „Die Liebe in Zeiten der Glasfaser“ ist ein Abend für die Dortmunder Ersatzspielstätte Megastore. Inszeniert und entwickelt vom künstlerischen Leiter vom Theater im Bahnhof in Graz, Ed Hauswirth, und vier Schauspielern vom Schauspiel Dortmund, denn nie gab es mehr Liebespaare, die freiwillig oder auch nicht dauerhaft weit voneinander getrennt lebten und das ist ja irgendwie auch ein Wert an sich. Für wen? Ich zitiere Kurt Sauer, Leiter der Sicherheitsabteilung von Skype: „Wir stellen eine sichere Kommunikationsmöglichkeit zur Verfügung. Ich werde Ihnen nicht sagen, ob wir dabei zuhören können, oder nicht.“
„Bilder deiner großen Liebe“ | R: Frank Weiß | Do 25.2.(P) 19.30 Uhr | Prinz Regent Theater Bochum | 0231 502 72 22
„Die Liebe in Zeiten der Glasfaser“ | R: Ed Hauswirth | Do 25.2.(P) 19.30 Uhr | Megastore Dortmund | 0234 77 11 17
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

„Wir brauchen sichere, offene Orte“
Ab der Spielzeit 2025/26 leitet Dramaturgin Sabine Reich das Prinz Regent Theater in Bochum – Premiere 08/25
Ein zeitloser Albtraum
Franz Kafkas „Der Prozess“ im Bochumer Prinz Regent Theater – Prolog 12/24
„Was heißt eigentlich Happy End heute?“
Alexander Vaassen inszeniert „How to date a feminist“ in Bochum – Premiere 05/23
Lug und Trug und göttliche Rettung
„Onkel Wanja“, „Orestes“ und „Dantons Tod“ – Prolog 03/23
Widerstand ist immer machbar
Januar-Programm der Freien Theater im Ruhrgebiet – Prolog 01/23
The Return of Tragedy
Theater im Ruhrgebiet eröffnen die neue Spielzeit – Prolog 09/22
Kitchen Stories
„Die Hausherren“ als Uraufführung im Livestream am PRT Bochum – Prolog 03/21
Das langsame Ende eines schnellen Anfangs
„Squash“-Premiere in Bochum – Bühne 02/21
„Wir müssen in der Lage sein zu spielen“
Hans Dreher vom Prinz Regent Theater über die Arbeit während Corona – Premiere 08/20
2 Stunden, 2 Spieler, 2 Stücke
Neue Dramatik im Prinz Regent Theater – Bühne 04/20
Es braucht kein Gewimmel von Hexen mehr
Goethes „Faust“ im Bochumer Prinz Regent Theater – Auftritt 11/19
Lumpi gegen den Perfektionswahn
„Ein hündisches Herz“ im Bochumer Prinz Regent Theater – Bühne 05/19
Archäologie eines Songs
Thomas Meinecke über „Cherchez la femme“ am 26.6. im Prinz-Regent-Theater Bochum – Musik 07/18
Der Feind im Kopf
„Extremophil“ im Prinz-Regent-Theater Bochum – Theater Ruhr 05/18
Die eine kommt, die andere geht
In Neuss und Bochum wechseln die Intendantinnen – Theater in NRW 04/18
Urban Arts und Wüstenkunde
„Magec / the Desert“ auf PACT Zollverein in Essen – Tanz an der Ruhr 07/26
Die Läuterung der Bösen
„Der Sturm“ im Schlosspark Bochum Weitmar – Prolog 07/26
„Wir opfern unsere Welt für Fortschritt“
Regisseur Philipp Preuss über „Circus Oresteia“ im Mülheimer Raffelbergpark – Premiere 07/26
Ein Jahr lang gute Taten reichen nicht
„Die kleine Hexe“ beim Düsseldorfer Sommertheater im Park – Prolog 06/26
Freiheit, Krieg, Einsamkeit
„Ptah VI“ am Essener Aaalto Theater – Tanz an der Ruhr 06/26
Freiheit gegen Tyrannei
„Die Räuber“ am Bochumer Schauspielhaus – Prolog 06/26
„Die Szene ist noch sehr lebendig“
Leiterin Franziska Werner über das Impulse Festival 2026 in NRW – Premiere 06/26
Schrecken aus Eis und Finsternis
Fidena in Bochum: Marionetten aus Eis gleiten auf Virginia Woolfs Wellen – Bühne 05/26
Die Umschulung des Übels
„Adams Äpfel“ am Moerser Schlosstheater – Prolog 05/26
Der Tod am Anfang
„Radio and Juliet“ am Theater Dortmund – Tanz an der Ruhr 05/26