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Matthias Eberle in „Über meine Leiche“
Foto: Diana Küster

Sound des Todes

29. Juni 2017

„Über meine Leiche“ am Schauspielhaus Bochum – Theater Ruhr 07/17

Den Dackel hat es bereits erwischt. Sein nacktes Skelett mit aufgerichtetem Schweif und Kopf ist ganz konservierte Aufmerksamkeit. So steht er auf der Brust des aufgebahrten Fritz, vor dessen vermeintlichen Totenbett sich die Fotos und Kerzen drängeln. Doch Friedrich ist nicht tot. Seine Mutter (Bettina Engelhardt) und die frühere Mitschülerin Jana (Karolina Horster) beschwören ihn zärtlich in ihren Erinnerungen wieder herauf, bis er auf der Bahre erwacht. Oder hat er den Toten nur gespielt? Versucht, sich auf den Sound des Todes einzuschwingen? Ist er vielleicht der Wiederauferstandene, der den Kreislauf von Leben und Sterben immer wieder durchmessen muss?

Stefan Hornbachs mehrfach preisgekröntes Stück „Über meine Leiche“ lässt den schüchternen und lebensuntauglichen Friedrich an Krebs erkranken und stellt ihm die lebenssatte gleichaltrige Jana zur Seite, die eigentlich sterben will. Der Krebs wird zur Schule des Lebens zum Tode. Flankiert von Mutter und Ärzten, gräbt sich Friedrich in den Gedanken ans Sterben ein. Matthias Eberle als Fritz schält sich langsam aus seiner Todesohnmacht heraus, erkundet Sprache und Raum des Sterbens, immer ein wenig forciert, was dem lapidaren Humor der Figur etwas Gewolltes gibt. Die Jana der Karolina Horster dagegen ist ganz drastische Powerfrau, Hände in den Taschen der Steppjacke. Immer gerade raus trampelt sie jeden Fettnapf platt. Erotisch aufreizend macht sie Friedrich in doppeltem Sinne an: Kokettierend mit dem Sterbenden wie mit dem Tod selbst, den sie für sich heraufzubeschwören versucht. Ein sexy Quälgeist, changierend zwischen Zynismus und Pubertät.

Anne Liebtraus Inszenierung ist fast behutsam zurückhaltend. Sie lässt den Schauspielern Raum genug, um ihre Figur zu entwickeln, ohne sie führungslos sich selbst zu überlassen. Im Gegensatz dazu wirkt das Bühnenbild von Dorothea Lütke Wöstmann mit durch den Raum gespannten roten Seilen allzu symbolisch. Es sind die beiden Frauen, die Mutter, Freundin und Ärztinnen zugleich sind, die es aufspannen. Ein Netz zwischen Blutbande, Beziehung und Betreuung, in dem sie Friedrich mitfühlend, aber auch selbstsüchtig einzuhegen versuchen – und das der Kranke am Ende wieder aushakt. Ein Netz, das allerdings dem Charakter der Mutter, so wie Bettina Engelhardt sie spielt, eher widerspricht. So einfühlend sie ihren Sohn anfangs betrauert, so schonungslos analysiert sie ihn als Hotel-Mama-Bewohner, als untüchtig-kränklichen Punchingball des Lebens. Ruppige Klarsicht bei gleichzeitigem mütterlichem Versorgungsanspruch, das sind die Pole, zwischen denen sich diese Mutter bewegt. Am Ende bleiben die beiden Frauen auf der Bühne alleine zurück. Friedrich hat die Bühne bereits verlassen, er ist der weiblichen Rundumversorgung entkommen – und damit auch endlich gestorben: Das Totenreich des Theaters beginnt dort, wo die Bühne endet.

„Über meine Leiche“ | R: Anne Liebtrau | Mi 10.7. 19.30 Uhr | Schauspielhaus Bochum | 0234 33 33 55 55

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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