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„Time to close your eyes“
Foto: Thomas Aurin

Schlafes Bruder

26. April 2018

„Time to Close Your Eyes“ am Bochumer Schauspielhaus – Theater Ruhr 05/18

Seitenschläfer oder Rückenschläfer? Wer weiß schon, wie er schläft, wenn ihm sein Partner nicht die Details des Rendezvous‘ mit Morpheus verraten hat. Juliane Fisch, Lisa Jopt, Roland Riebeling und Martin Weigel wissen ziemlich genau, wie ihre Bühnenkollegen ruhen. Knuddelkissen hier, Bettdeckenvermummung da und Bauchlage dort. Zeit ins Bett zu gehen, meint das Bochumer Ensemble um Intendant und Regisseur Olaf Kröck. Und da jeder Schlaf auch ein kleiner Tod ist, darf der große Bruder natürlich nicht fehlen: „Time to Close Your Eyes“ lautet der Titel des Abends in den Kammerspielen, der am Ende mehr als Symptom Bedeutung entfaltet, denn als sinnliche Erfahrung.

Wer Lisa Jopt und Roland Riebeling im Team hat, braucht sich um die Komik nicht zu sorgen, selbst wenn es um den Tod geht. Riebeling zieht anfangs alle Register einer paternalistischen Fürsorge, um das Publikum endlich ins Bett zu bringen, er witzelt sich durch die Erinnerung an eine vergeigte Sterbeszene als Marquis von Posa. Lisa Jopt dagegen sahnt Bravos ab für ihr Selbstempowerment, dass sie in BH und Slip (später auch ohne) mit Trockenschwimmen, Brandmauer bespringen und Birkenstämme schleppen absolviert. So weit, so lustig. Doch reproduziert der Abend all das, was an Recherchestücken so trostlos langweilig ist. Er serviert Wikipediawissen über Schlafphasen, Schlafrhythmus und Energieverbrauch. Und dann entfaltet das Quartett das ganze Panorama des Sterbens in all seiner medizinischen Detailliertheit. Und zwar als erlebte Rede in direkter Ansprache ans Publikum gerichtet („Du willst es nicht wahrhaben“). Darin offenbart sich nicht nur die Reproduktion eines angelernten Faktenwissens, das hier als Theatertext ausgegeben wird. Noch mehr verblüfft die irritierend unkritische Wissenschaftsgläubigkeit, die Sterben und Tod als unhintergehbare Finalität beschwören. Gleichzeitig offenbart sich darin ein teleologisches und kausales Denken ohne Alternative. Das Sterben gerät zum physiologischen Vorgang, der mit medizinischen Erläuterung flankiert wird. Lyrische, epische oder dramatische Annäherungen an den Tod, die die Literatur bereithält, finden nur im Programmheft ihren Ort.

Dieses Denken setzt sich in der Bühne von Angela Weyer fort: Auf der Vorbühne agieren fast ausschließlich die vier sprachgewaltigen Schauspieler. Auf dem durch eine Schiebewand abgetrennten hinteren Teil dagegen ein Tanzensemble und die sechsköpfige A-capella-Gruppe Slixs mit Musik von Volkslied bis zu Purcells „Frost“-Song. Hinten herrscht in der Regel Dämmerlicht, vorne gleißende Helligkeit; hinten huschen Wesen durch einen nebelverhangenen Birkenwald, ertönen Schreie, toben die Emotionen; vorne dominiert die Rationalität und Logik der gesprochenen Sprache. Eigentlich geht man ins Theater, um solch vereinfachenden Gegenüberstellungen zu entkommen. Nicht an diesem Abend im Bochumer Schauspielhaus.

„Time to Close Your Eyes“ | R: Olaf Kröck | Mo 21., Do 31.5. 19 Uhr, Do 7.6. 19.30 Uhr | Bochumer Schauspielhaus | 0234 33 33 55 55

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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