Heute reicht der große Tisch im Saal des Theaters an der Ruhr nicht mehr. Zu groß ist der Andrang bei dieser „Reise ins Theater“, zu der Roberto Ciulli eingeladen hat. „Eigentlich hatte ich gedacht, wir könnten am Tisch sitzen“, sagt der Intendant. Während draußen im Rahmen der „Weißen Nächte“ im Raffelbergpark aktuelle Bühnenprojekte vorgestellt werden und verschiedene Bands auftreten, führt Ciulli die BesucherInnen drinnen durch das Haus und blickt auf die letzten 36 Jahre des eigenen Bühnenbetriebs zurück.
1980 gründete Ciulli in dem ehemaligen Kurhaus in Mülheim das Theater an der Ruhr. Der große Tisch ist geblieben: „Da sind viele Tränen geflossen. Und auch Blut“, scherzt Ciulli über die Gründungsphase. „Wir wollten einen Ort zum arbeiten“. Ciulli führte in dieser Zeit bereits Regie in renommierten Schauspielhäusern wie Köln, Berlin oder Düsseldorf. Doch der Italiener suchte ein anderes Theater, eines das regelmäßige Gastspiele und internationalen Austausch garantiert.
Zu diesem Zeitpunkt schaute der heute 84-Jährige bereits auf ein bewegtes Leben zurück: In einer großbürgerlichen Familie in Mailand aufgewachsen, wurde Ciulli bereits früh von der Studentenbewegung politisiert. Er wollte Filmregisseur werden, doch seine Eltern bestanden darauf, dass er studiert. Philosophie ist es geworden. Ciulli promovierte schließlich (über Hegel), bevor es ihn an den Stadtrand zog, wo er das Theater „Il globo“ gründete.
„Und dann habe ich einen Herzinfarkt gehabt – mit 29 Jahren“, erzählte Ciulli. „Ich habe mich entschieden, einen Schritt in meinem Leben zu machen.“ Dieses neue Kapitel führte ihn nach Deutschland, wo der studierte Philosoph erst in einer Bosch-Fabrik, dann als Fernfahrer arbeitete.
Doch das Theater blieb der Mittelpunkt seines Lebens. Das Ziel: eine Alternative zum klassischen Stadttheater etablieren. Und dazu gehörten vor allem Reisen. „Es gibt in Europa, auf der Welt kein Theater, das so viel gereist ist wie unser Haus“, sagt Ciulli heute. „Das Reisen spielte eine große Rolle.“ 34 Länder sind es geworden. Etwa die Türkei. „Wir waren die ersten“, betont Ciulli. Sein Ensemble reiste unter anderem auch nach Tadschikistan, Usbekistan oder China. „Niemand ging nach Osten. Das war auch diplomatisch schwierig. Aber wir wollten dahin“, so der Kosmopolit über das künstlerische Selbstverständnis. „Das Theater ist meine Heimat.“ Zum Konzept gehörte auch, die Theaterwelt nach Mülheim zu holen, darunter etwa ein Ensemble aus dem einstigen Jugoslawien. Das Theater an der Ruhr lebt internationale und multikulturelle Bühnenkunst – schon Jahrzehnte, bevor etwa Shermin Langhoff ihre Intendanz am Berliner Gorki-Theater antrat. „Wir stellten die Frage, was die Aufgabe des Theaters im Hinblick auf die Gesellschaft ist“, erzählt Ciulli. Distanz zur Neoliberalisierung der Gesellschaft in den 80ern gehörte ebenso dazu, wie der Intendant aufzählt: keine Ökonomisierung, dafür Demokratisierung und faire Verträge für alle. „Diese Entscheidungen fielen an diesem Tisch.“ Und dieser reicht heute nicht mehr aus. Aber das Theater am beschaulichen Raffelbergpark ist in der ganzen Welt bekannt.
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