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Das Prinz Regent Theater in Bochum
Foto: Presse

Probleme, nichts als Probleme

28. August 2014

Die Theaterhäuser im Ruhrgebiet starten – Prolog 09/14

Jetzt geht’s wieder los. Das Wetter wird schlechter, die Theater rüsten auf. Sommerpause ade. Noch während der laufenden RuhrTriennale eröffnen sie die Häuser – Sommerfest, Premieren, das schicke kleine Gläschen Sekt. Endlich nicht mehr nur Biergarten oder Glotze. Aber: So richtig kuschelig wird’s nicht werden. Überall hartes Brot. Klassische Stoffe. In ihrer letzten Bochumer Saison startet Sibylle Broll-Pape gleich mit „Orest“ von John von Düffel. Auf der Basis der klassischen Dramen von Sophokles, Aischylos und Euripides erzählt der locker den Atridenmythos neu und entdeckt darin eine zeitgenössisch psychologisch ausgefeilte Familien- und Polittragödie, Antike reloaded. Das böse Geschwisterpaar Elektra und Orest reitet durch die Nacht, oder besser durchs Prinz Regent Theater. Leicht hat es Onkel Wanja im gleichnamigen Stück am Bochumer Schauspielhaus nebenan auch nicht. „Eine Krise kann jeder Idiot erleben, aber was uns auslaugt, ist der Alltag.“ – Ein Satz von Tschechow, der über jedem seiner Stücke stehen könnte, macht hier besonders Sinn. Wanja ist unglücklich in Elena verliebt, die macht nämlich Landarzt Astrow schöne Augen. Alle irren gemeinsam endlos umher, umschwirren sich ständig, und doch: Für was soll man eigentlich arbeiten? Und wieso wird nie etwas so, wie es hätte sein können. Kann Regisseur Stefan Kimmig diese Fragen beantworten?

Auch in Dortmund ist die Welt gleich zu Beginn aus den Fugen. Sein oder nicht. Ein Hamlet wie ein Edward Snowden, der Informationen sammelt, die Macht bedeuten. Der damit hausieren geht und die Herrschaft seines Landes angreift. Der Dortmunder Hamlet ist ja selbst ein Überwachter, ein Sohn zwischen zwei Herrschern, einer, der einen Brudermord aufdeckt und zum Gegenschlag ausholt. Revolutionär, Zweifler und einer, der sein Ich aufs Spiel setzt? Und was ist mit Ophelia? Im Schauspielhaus wollen Intendant und Regisseur Kay Voges und der Videokünstler Daniel Hengst Shakespeare im Spiegel von Bits und Bytes auf die Schliche kommen. Da kann man sich auf einiges gefasst machen.

Die „unfreiwillige“ Klammer bildet die erste Premiere in Essen. Auch hier geht es wieder um Agamemnon. Aber nur um drei Ecken. Nach dessen Sieg über die Trojaner, bricht in „Die Odyssee“ Odysseus per Schiff nach Hause auf. Denkt er. Anhand von Homers Roadmovie – eigentlich die Urgeschichte der europäischen Zivilisation – denkt Regisseur Volker Lösch die antiken Parameter neu. Schon im Untertitel:„Lustig ist das Zigeunerleben“stoßen wir auf die gleichermaßen geächtete wie romantisch verklärte Lebensweise von Roma und Sinti. Die dennoch in Europa zeigen, dass ein Leben jenseits der etablierten sozialen Welt möglich wäre. In Gesprächen mit Essener Roma und dem Theaterpublikum über Akzeptanz und Ablehnung, Vorurteile und Ängste, Klischees und Rollenzuweisungen, über Gastfreundschaft und Ausgrenzung entsteht so in Essen ein aktueller Kommentar zu Homers Heldenepos – und vielleicht auch zum „homo oeconomicus” ohne „Trojaner“.

„Hamlet“ | 12.9.(P) 19.30 Uhr | Schauspiel Dortmund | 0231 502 72 22

„Orest“ | 17. 9.(P) 19.30 Uhr | Prinz Regent Theater, Bochum | 0234 77 11 17

„Die Odyssee“ | 19.9.(P) 19.30 Uhr | Theater Essen | 0201 812 26 00

„Onkel Wanja“ | 20.9.(P) 19.30 Uhr | Schauspielhaus Bochum | 0234 33 33 55 55

PETER ORTMANN

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