Haben Sie sich verzockt und keine Karten mehr für die vor „NRW-Prominenz“ strotzende Eröffnung der diesjährigen RuhrTriennale bekommen? Trösten Sie sich. Es gibt beim Festival der schönen Künste noch mannigfaltig Gelegenheit, Nerz und Hirn auszuführen. Für diejenigen, die dem Joker im Kartenspiel mal auf den Zahn fühlen möchten, sei Robert Lepage empfohlen. Der ist ein international gefeierter Magier der Bilder und arbeitet in den nächsten drei Jahren im Ruhrgebiet mit Spielkarten. In deren Systematik gibt es Regeln, Symbole, Mythologie und vor allem Figuren, durch deren Neuordnung man so viele Geschichten erzählen kann, wie es Kombinationsmöglichkeiten gibt.
Ein wunderbarer Rahmen für einen Theaterzyklus, den der kanadische Theaterkünstler mit dieser neuen Produktion „Spades“(„Pik“) eröffnet. Darin versetzt Lepage den Zuschauer in das Jahr 2003 zurück, zu dem Zeitpunkt, als die USA in den Irak einmarschiert, und genau an zwei Wüstenstädte, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten: Las Vegas und Bagdad. In diesen Schmelztiegeln treffen Charaktere von unterschiedlicher Herkunft und Neigungen aufeinander und bewegen sich in einem Kosmos aus Glücksspiel, Sucht, Manipulation, Hoffnung, Bündnissen zwischen Gegnern und Freunden und dem Gegensatz von extremem Reichtum und extremer Armut.
Ganz anders, aber auch mit bemerkenswerter konzeptueller Strenge setzt die New Yorker Off-Off-Truppe „Nature Theater of Oklahoma“ ihre epische Musical-Saga „Life and Times“ bei der RuhrTiennale fort. Die Ich-Erzählerin, die in Episode 2 mehr und mehr zu einer kollektiven Stimme geworden ist, berichtet von ihrem achten bis vierzehnten Lebensjahr: der sich verändernde weibliche Körper, die erste Liebe, die eigentlich immer für immer sein soll, aber auch die unvermeidliche erste heimlich gerauchte Zigarette. Das sind Geschichten, die jeder kennt, Geschichten, die uns alle zu dem gemacht haben, was wir heute sind. Mit Blick auf Lepage könnte irgendwann auch das erste Pokerspiel auftauchen (vielleicht in Episode 4).
Wie alle Episoden basiert auch der zweite Teil des auf zehn Folgen angelegten Epos wortwörtlich auf einem Telefongespräch, in dem die 34jährige Kristin Worrall ihr gesamtes eher durchschnittliches Leben erzählt. Ungekürzt, mit allen Fehlern, mit Ähs und Ahs, wird dieses ungewöhnliche Libretto von dem Hobbymusiker-Programm Garage Band vertont. Mit heroischem Einsatz und Extravaganz setzt das Nature Theater seine ungewöhnlichen theatralischen Sendungen fort, basierend auf einem zeitgenössischen Bildungsroman von Pavol Liska und Kelly Copper. „Life and Times“ ist das unterhaltsamste Konzeptkunstwerk des letzten Jahrzehnts.
Es gibt also keinen Grund, über verpasste Eröffnungspremieren traurig zu sein. Beide hier angesprochenen Produktionen sollten Sie sich in diesem Herbst ansehen, und zocken Sie um Himmels willen nicht bei den (Eintritts-)Karten.
Nature Theater of Oklahoma:„Life and Times” IPremiere: 30.AugustI PACT Zollverein, Essen
Robert Lepage: „Spades“ I Premiere: 21. September I Salzlager, Essen I 0201 887 20 24
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