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Foto(Ausschnitt): © Daniel Sadrowski

„Zu Unrecht in eine rosa Ecke gestellt“

29. Oktober 2026

Julia Lerch Zajaczkowskaüber „Under the Pink Flag“ im Museum Bochum – Sammlung 11/26

trailer: Frau Lerch Zajaczkowska, Johannes Paul II hat damals ihre Kunst in Polen nicht gefallen, oder?

Julia Lerch Zajaczkowska: Warum starten wir denn mit einer religiösen Frage? Maria Pinińska-Bereś‘ Kunst dürfte der ganzen katholischen Kirche im damaligen Polen nicht gefallen haben. Was Johannes Paul II persönlich darüber dachte, weiß ich natürlich nicht. Aber damit ist es natürlich nicht gesagt. Die Kirche hatte in den 1970er Jahren und Anfang der 80er Jahre in Polen tatsächlich eine besondere Rolle. Ab 1981 galt in Polen das Kriegsrecht und die Kunst verschwand aus dem öffentlichen Raum in Privat- und somit so auch in Kirchenräume, allerdings war die Kunst von Maria Pinińska-Bereś, die doch viele erotische Elemente zeigt, in den Kirchenräumen nicht gern gesehen.

Heute würde sie mit ihrer rosa Fahne beim CSD wahrscheinlich nicht auffallen, das war damals bestimmt anders. Wie drastisch waren die Repressalien in der Volksrepublik Polen?

Maria Pinińska-Bereś hat einerseits sicher provoziert, konnte ihre Kunst allerdings für sehr lange Zeit nicht öffentlich ausstellen. Ihr Mann, selbst auch Künstler (Jerzy Bereś), stand damals auf sogenannten schwarzen Listen, er wurde zensiert, selbst sein Name wurde bis Ende der 1970er in öffentlichen Medien kaum in den Mund genommen. Die wirkliche internationale Anerkennung für beide kam später. In den 1970er und 80er Jahren war es für viele Künstler:innen in Polen schwer zu existieren.

Was ist in der retrospektiven Ausstellung im Kunstmuseum Bochum aktuell zu sehen?

Alle Perioden ihres künstlerischen Wirkens haben wir aus verschiedenen leihgebenden, polnischen Institutionen hier versammelt. Die Ausstellung ist eine Kooperation mit dem Kunstmuseum Luzern, sie war dort im Frühjahr zu sehen, mit einem etwas anderen Schwerpunkt und unterschiedlich-räumlicher Setzung. Die Exposition beginnt mit einem sehr frühen Werk aus der Mitte der 1950er Jahre und endet mit einer Arbeit von 1998, also kurz vor ihrem Tod.

Wie führen Sie Besucher durch die Ausstellung einer vorwiegend unbekannten Künstlerin?

Eigentlich stellt sich ja immer die Frage, wie sich eine Ausstellung vermittelt. Meistens funktioniert das über Texte, insbesondere über die räumliche Erfahrung, von der ich hoffe, dass sie Neugierde schafft, sich den Kunstwerken zu nähern. Ob man alles direkt versteht oder nicht, ist erst einmal zweitrangig. Wir haben die Ausstellung in sechs Kapitel geordnet. Sie beginnt mit ihren ersten, massiven Skulpturen, den Rotunden, setzt sich in „Natur als Zufluchtsort“, „Feminismus“, „Kriegsrecht in Polen“ fort und findet ihr Finale in „Erotik und der Blick der alten Meister“. Je Station entwickelt der Skulpturenbegriff eine neue Bedeutung.

Wie werden die Performances von Maria Pinińska-Bereś im Museum transportiert?

Das ist eine der zentralen Fragen, die auch uns als Kurator:innen interessiert. Weil die Performance die besonderen Momente erlebbar macht, die schwer einzufangen sind. Wir haben viele Fotodokumentationen von Aufführungen, teilweise auch Objekte, die sie dabei benutzt hat. Wir versuchen, sie so lebendig zu präsentieren, wie es uns möglich ist. Hierfür haben wir ein sehr umfangreiches Begleitprogramm für die Ausstellung vorbereitet, in dessen Rahmen zeitgenössische Künstler:innen ihre Themen neu verhandeln und in die Gegenwart tragen.

Pinińska-Bereś sagte, sie wolle die traditionelle Bildhauerei von der „Statuenhaftigkeit“ befreien. Ist ihr das mit ihren Arbeiten gelungen?

Sie hat vor allem auch gesagt, und das spielt wohl rein in das Zitat, das Sie genannt haben, dass sie weggehen will von ihren schweren Skulpturen, damit sie diese „ohne die Hilfe eines Mannes“ bewegen kann. Das kann man deutlich daran sehen, dass sie sich ab Ende der 1960er Jahre von den schweren Materialien wie Zement abkehrt und zu Stoff oder Schaumstoff greift und auch zu mehr Farbe. Sie schafft ihren eigenen Skulpturenbegriff, der weggeht von dem klassischen, den sie als klassisch ausgebildete Bildhauerin erlernt hat.

Wie lang war denn der Schatten ihres berühmten Mannes Jerzy Bereś, von dem es einige Arbeiten im Bochumer Museums-Depot gibt, von ihr wurde aber wohl nichts angekauft, oder?

Unter der rosa Fahne. Fotodokumentation der Performance „The Banner“ von Maria Pinińska-Bereś, 1980, Foto: © Bereś Foundation

Doch. Es gibt eine Arbeit und die hat auch die Ausstellung hier mit ausgelöst. Die Arbeit heißt „Stillleben“, ein rosa Kissen mit einer eingebetteten Vulva. Das ist eine Arbeit, die in den 1980er Jahren von Peter Spielmann aus der Sammlung von Helmut Klinker angekauft wurde, und wir haben in diesem Jahr Fördermittel vom NRW-Ministerium für Kultur und Wissenschaft erhalten, um eine weitere Arbeit anzukaufen: „Okno i demony II“. Neben den vielen Skulpturen ihres Ehemannes Jerzy Bereś sind nun so auch zwei von Maria Pinińska-Bereś in der Sammlung des Museums.

Hat sie sich denn in den 1990ern von diesem Einfluss ihres Mannes befreien können?

Das passiert mittlerweile. Wir wissen nichts über ihre persönliche Beziehung und es geht hier auch nicht darum, ihn zu diskreditieren, sondern insbesondere sie als Künstlerin hervorzuheben. Interessanterweise haben wir in den Recherchen zur Ausstellung mitbekommen, dass auch damals schon renommierte Kurator:innen, die mit Jerzy Bereś zusammengearbeitet haben, von ihr und ihrer Kunst nichts wussten. Und das ist verrückt, wenn man weiß, dass die beiden zusammen in Krakau in einer Wohnung zusammengewohnt haben und dass da das Atelier war, wo beide gearbeitet haben und Kurator:innen ein- und ausgingen. Nach ihrem Tod 1999 gab es wenig Auseinandersetzung mit ihrem Werk, wohl auch, weil in den frühen 2000ern insbesondere weibliche Kurator:innen zwar fasziniert von ihrem Schaffen waren, aber das Werk trotzdem nicht anfassen wollten, um nicht wie die Künstlerin selbst (und das zu Unrecht) in eine „rosa“ und vermeintlich naive Ecke gestellt zu werden. Das ändert sich jetzt aber.

Maria Pinińska-Bereś: Under the Pink Flag | 24.10. - 14.3.2027 | Museum Bochum | www.kunstmuseumbochum.de

Interview: Peter Ortmann

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