trailer: Frau Arns, Seidenstraße hört sich so märchenhaft an, ist aber doch wohl knallhartes internationales Business ohne Kamele?
Inke Arns: Genauso ist das gemeint, und deshalb lautet der Titel der von Thibaut de Ruyter und mir kuratierten Ausstellung auch „Industrial: Seidenstraßen 3000“. Wir wollten eben genau dieses orientalistische Bild der Seidenstraße vermeiden. Es gab ja auch historisch nie nur eine Seidenstraße – deswegen der Plural. Wie schauen uns in der Ausstellung die neuen, die aktuellen Seidenstraßen an. Der britische Historiker Peter Frankopan hat das mal als „das größte Infrastrukturprojekt aller Zeiten“ bezeichnet. Das entwickelt China seit 2013. Wir interessieren uns für die Geschichten entlang dieser Seidenstraßen, für die Menschen, die die ganzen Waren herstellen, die darüber zu uns kommen. Es geht also um Logistik und Warenströme – und die ach so wichtigen Lieferketten.
Der Titel erinnert mich auch sofort an die Angst im Ruhrgebiet vor der Übernahme des Duisburger Binnenhafens durch die Chinesen.
Der Kauf von Häfen und der Bau von Transporttrassen sind natürlich Teil dieses gigantischen Infrastrukturprojektes. Wir zeigen in der Ausstellung „Losers and Winners“ (2006) der Wittener Dokumentarfilmer:innen Michael Loeken und Ulrike Franke. Da geht es um den Abbau der Kokerei Kaiserstuhl auf der Westfalenhütte in Dortmund und deren Abtransport nach China. Die ist 2004 von 300 chinesischen Arbeitern innerhalb kürzester Zeit zerlegt und dann in China wieder aufgebaut worden. Im Film geht es um die letzten fünf deutschen Arbeiter, deren Aufgabe es war, den Chinesen zu zeigen, wie sie ihren eigenen Arbeitsplatz abbauen. Das ist echt bitter. Am Anfang des Films machen die Deutschen recht abfällige Bemerkungen über die Chinesen. Bei der Premiere des Films 2006 sprachen sie dann von ihren „Kollegen“. Und auf die Frage, ob sie sich eher auf der Seite der Verlierer oder der Gewinner sähen, antworteten die nun arbeitslosen deutschen Arbeiter: definitiv nicht auf der Seite der Verlierer. Ob das auch für die Entscheidung gilt, die damals modernste Kokerei der Welt nach China zu verkaufen, wage ich zu bezweifeln.
Wird auch der gescheiterte Strukturwandel im Ruhrgebiet thematisiert?
Indirekt. Es geht in der Ausstellung um Logistik. Global um die Neuen Seidenstraßen, regional um die gewachsene Bedeutung der Logistik im Ruhrgebiet. Nach dem Ende der Bergbau- und Stahlindustrie sollte die Logistik zum großen neuen Arbeitgeber werden. Das Ruhrgebiet bietet hierfür große Standortvorteile durch die zentrale Lage in Europa, durch Brachflächen (insbesondere ehemalige Zechengelände) und durch dichte Verkehrsnetze (Autobahnen, Schienen, Binnenhäfen wie Duisburg). Die Logistik schuf durchaus neue Jobs für An- und Ungelernte und half, Massenarbeitslosigkeit zu begrenzen und so den Strukturwandel abzufedern – konnte jedoch den Verlust von Hunderttausenden von (gut bezahlten und unbefristeten) Arbeitsplätzen in der Schwerindustrie bei weitem nicht kompensieren. Im Ikea-Logistikzentrum in Dortmund-Mengede arbeiten ca. 1.800 Menschen; im 2017 eröffneten Amazon-Logistikzentrum südlich der ehemaligen Dortmunder Westfalenhütte 1.500. Die Logistik war ein pragmatischer Baustein, um Flächen zu reaktivieren und Beschäftigung zu sichern – aber sie ersetzt eben nicht die höherwertige Wertschöpfung, die man sich vom Strukturwandel eigentlich erhofft hatte.
Was ist in der Ausstellung in der neuen Kunsthalle an Kunst zu sehen?
Wir zeigen in der Kunsthalle Dortmund wieder eine große Bandbreite an Medien. Da sind zum Beispiel drei lange Dokumentarfilme zu sehen, einer von Wang Bing, „15 Hours“ (2017, Hongkong [VRC], 900 Min.), der in nur einer einzigen Einstellung einen ganzen Arbeitstag in einem Verarbeitungsbetrieb der Bekleidungsindustrie in China zeigt. Von Stanislaw Mucha zeigen wir „Manche mögen´s falsch“ (D, 2025) über das südchinesische Fälscherdorf Dafen, wo tausende Meisterwerke gefälscht werden. Wir zeigen natürlich auch künstlerische Videos, Videoinstallationen und fotografische Arbeiten. Dazu eine monumentale Wandskulptur der malaysischen Künstlerin Anne Samat, die wie eine totemistische Figur aussieht, sechs Meter breit und fast vier Meter hoch. Sie wird an einer zentralen Wand in der sechsten Etage des Dortmunder U präsentiert. Wenn man ganz nahe heran geht, sieht man, dass sie aus unglaublich vielen kleinen Plastikelementen und -objekten besteht, die man in Ein-Euro-Shops bekommt. Alles Made in China.
Cao Fei, My Future is Not a Dream, © Courtesy: Sprüth Mager Sand Vitamin Creative Space23 Künstler:innen aus 16 Ländern. Ist denn da überhaupt genug Platz, ich denke die Kunsthalle Dortmund ist im Vergleich zum HMKV ja nicht größer geworden?
Wie schon „Genossin Sonne“ findet auch die neue Ausstellung auf zwei Etagen statt – auf der 3. und der 6. Etage des Dortmunder U. Zusammen sind das rund 2.000 Quadratmeter und da passt natürlich alles locker rein und wir können das luftig und großzügig präsentieren. Die Szenografie arbeitet mit den Mitteln der Logistik – wir verwenden Glastransportgestelle und Monobloc-Stühle, das meistverkaufte Möbelstück der Welt, hergestellt in China.
Welche Bedeutung hat die Umbenennung in „Kunsthalle“?
Die Idee gibt es schon seit zehn Jahren. Jetzt haben wir sie endlich umgesetzt, pünktlich zu unserem 30-jährigen Jubiläum, und haben den neuen Namen im Rahmen des Finissage-Wochenendes der Ausstellung „Robotron: Arbeiterklasse und Intelligenz“ verkündet. Es hatte sich schon länger so angefühlt, dass der Name HMKV Hartware MedienKunstVerein für unsere Ausstellungen und Projekte zu klein geworden war. Eigentlich machen wir schon lange Ausstellungen, die man eher in einer Kunsthalle erwarten würde.
Ist der neue Name nicht auch griffiger?
Natürlich. Deswegen haben wir uns ja für den neuen Namen entschieden. „hARTware projekte“ – so der ursprüngliche Name 1996 – und seit 2005 „HMKV Hartware MedienKunstVerein“ waren einfach relativ komplexe bis kryptische Bezeichnungen und sehr in den 1990er Jahren verhaftet. Jede/r hat den Namen anders geschrieben, das war bisweilen recht unterhaltsam. Bei einer „Kunsthalle“ weiß man sofort, was drin ist – nämlich zeitgenössische Kunst. Unser Programm bleibt trotz Umbenennung gleich: In unseren Ausstellungen stellen wir mit den Mitteln der Kunst ein Verständnis für vielschichtige gesellschaftliche, politische, ökonomische oder ökologische Zusammenhänge her. In einer globalisierten und durch Technologie beschleunigten Welt ermöglicht dieser Ansatz einen neuen Blick auf unsere Gegenwart, der komplexe Zusammenhänge verständlich macht. Unser Programm ändert sich also nicht, nur der Name ist neu.
Industrial: Seidenstraßen 3000 | 12.9. bis 10.1.2027 | Kunsthalle Dortmund | Info: 0231 137 321 55
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