Die Ausstellung zeigt, wie Herbert W. Franke und Gottfried Jäger technische Systeme, wissenschaftliche Denkmodelle und fotografische Prozesse als Ausgangspunkt für neue Formen visueller Gestaltung nutzen.
trailer: Frau Lohrmann, ich frage mal ganz platt: Gegenstandslose Fotografie entsteht nicht durch zufälliges Betätigen des Auslösers an der Kamera, oder?
Noa Lohrmann: Es geht dabei nicht darum, etwas Bestimmtes, also Gegenständliches, vor der Kamera abzubilden, sondern um bewusste Abstraktion und die Erforschung der Prozesse des Bildverfahrens selbst, die dann zum eigentlichen Gegenstand gemacht werden. Das kann zum Beispiel eine Gestaltung durch Licht auf lichtempfindlichem Fotomaterialsein. Man braucht für die gegenstandslose Fotografie also nicht einmal zwingend eine Kamera.
Hat das Gottfried Jäger bei seinen Arbeiten immer so gehandhabt?
Gottfried Jäger hat das fotografische Handwerk erlernt. Seine Lehre machte er in der Industrie- und Werbefotografie. Erst mit seinem Studium der Fotografie in Köln und vor allem danach an der Fachhochschule Bielefeld, wo er die Studienrichtung Foto-/Film-Design mitbegründete und ab 1973 als Professor für Künstlerische Grundlagen der Fotografie und Fotografik/Generative Bildsysteme tätig war, hat er sich zunehmend mit den vielseitigen Möglichkeitsräumen der Fotografie beschäftigt. Entgegen dem Verständnis der Fotografie als Darstellungsmedium der äußeren Wirklichkeit, hat er den Blick in das Innere der Kamera, aus das Material gekehrt. Mit seiner Praxis prägte er Begriffe wie die generative Fotografie und damit auch die Fotografie als Kunstform.
Wenn ich an Herbert Franke denke, dann denke ich an seinen Science Fiction-Roman „Zone null“ aber eher nicht an sein wissenschaftliches Werk „Kunst und Konstruktion“. Woran liegt das?
Ich glaube das liegt daran, dass er ein sehr vielfältiges multimediales Werk geschaffen hat. Er war Science-Fiction Autor aber auch Wissenschaftler, Computerpionier, Höhlenforscher und Künstler. Er hat also viel Verschiedenes in seinem Leben gemacht. In dem Buch „Kunst und Konstruktion“, das ja auch titelgebend für die Ausstellung ist, erforscht er die Beziehung von Wissenschaft, Technik und Kunst und ihr ästhetische Potenzial. Das galt zu seiner Zeit, er brachte das Buch 1957 heraus, als ungewöhnlich und stieß zunächst vielfach auf Unverständnis.
„Das Besondere ist der Dialog der beiden Künstler in der Ausstellung“
Was ist denn in Essen überhaupt zu sehen und was macht die Ausstellung so besonders?
Da ist eine Bandbreite an Werken der beiden Künstler. Von Gottfried Jäger zeigen wir zum Beispiel seine umfassende Serie der Lochblendenstrukturen mit 122 Objekten. Von Herbert W. Franke sind es unter anderem seine frühen Fotoexperimente, mathematischen Visualisierungen, aber auch einige seiner Höhlenfotografien. Das Besondere ist aber eben der Dialog der beiden Künstler in der Ausstellung und der wird so in dieser Form erstmals gezeigt. Gottfried Jäger hat das Buch Kunst und Konstruktion von Herbert W. Franke während seines Studiums entdeckt und das hat ihn sehr geprägt, in diesem Bereich weiterzuarbeiten. Nachdem die beiden sich persönlich kennenlernen, entsteht ein langanhaltender künstlerischer Austausch, der sich in der Ausstellung wiederfindet. Gleichzeitig sind auch eigene, unterschiedliche Wege in der Ausstellung präsent.
Viele der damals in den 1960er- und 70er-Jahren technisch aufwendigen Bilder sind heute per Smartphone machbar. Ist es auch eine Art historische Ausstellung?
Einerseits kann man das sagen. Auf der anderen Seite schlagen diese Thematiken immer wieder Verbindungen zu heute, weil man durchaus dadurch auch mit bestimmten gegenwärtigen Kontexten konfrontiert wird. Und so kann man die Werke von Jäger und Franke auch aus einer heutigen Perspektive betrachten. Beide hatten diese Faszination für Systeme, für Programme und deren Verfahren und Funktionen. Sie haben mit einem künstlerischen, ästhetischen Blick mit den Apparaten experimentiert. Die Ausstellung fragt auch danach, wo heute eigentlich unsere Aufmerksamkeit in Zeiten von zunehmender automatisierter Bildproduktion liegt und wie die Technik unsere Wahrnehmung und Bildkultur mitprägt.
„Mit den heutigen Möglichkeiten hätten sich für ihre Ideen wahrscheinlich noch andere Räume eröffnet“
Angesichts der technischen KI- und VR-Entwicklung wurden die beiden vielleicht etwas zu früh geboren.
Das könnte man wahrscheinlich so sagen, Sie waren mit ihrer damaligen Arbeit beide sehr fortschrittlich und ihrer Zeit eigentlich einen Schritt voraus. Mit den heutigen technischen Möglichkeiten hätten sich für ihre Ideen wahrscheinlich noch einmal ganz andere Räume eröffnet.
Herbert W. Franke, Ohne Titel, aus der Serie Tanz der Elektronen, 1958/59, Silbergelatineabzug, © art meets science – Stiftung Herbert W. FrankeWie wichtig ist denn bei so einer speziellen Ausstellung die didaktische Seite fürs Publikum?
Die Arbeiten der beiden tragen bereits in ihrem Entstehungsprozess einen Vermittlungsgedanken in sich. Sie gleichen oft einem wissenschaftlichen, nachvollziehbaren Experiment, das sie im Bereich der Kunst anwenden. In der Ausstellung kann auch ohne Vorkenntnisse auf Entdeckungstour gegangen werden. Die Variationen der Lochblendenstrukturen erschließen sich zum Beispiel aus einem von Jäger gezeichneten Diagramm, welches auch in der Ausstellung zu sehen ist. Es gibt außerdem noch einen Büchertisch, wo gemeinsame Publikationen oder Texte von den beiden zum Stöbern und Vertiefen ausliegen
Aber es bleibt auch ein Loblied auf das Analoge.
Die Ausstellung zeigt auf jeden Fall seine vielseitigen und faszinierenden Möglichkeiten Aber zugleich wird ja auch schon die frühe Auseinandersetzung mit dem Digitalen thematisiert. Herbert W. Franke gilt als Pionier der Computerkunst. Noch im hohen Alter hat er sich mit der digitalen Kunst, mit NFTs und so weiter beschäftigt und fand diese Seite auch durchaus spannend. Vielmehr sind die Auseinandersetzung und der Umgang, sowohl mit dem Analogen als auch mit dem Digitalen, interessant.
Kunst und Konstruktion: Herbert W. Franke und Gottfried Jäger im Dialog | 16.10.2026 bis 10.1.2027 | Museum Folkwang, Essen | 0201 884 50 00
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