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Auguste Rodin, Der Schlaf, Büste einer jungen Frau, o.J., Gips, Musée Rodin, Paris
Foto: agence photographique du musée Rodin, Pauline Hisbacq

Helden der Skulptur

29. Mai 2019

Wilhelm Lehmbruck und Auguste Rodin in Duisburg – kunst & gut 06/19

Wie sehr fesselt die Moderne in der Skulptur den heutigen Ausstellungsbesucher? Wie nahe gehen uns die plastischen Werke in Bronze, Gips oder Stein, die vor mehr als einem Jahrhundert entstanden sind und nichts anderes als das Abbild des Menschen zeigen? Das Lehmbruck Museum belegt nun mit einer Auswahl an Skulpturen von Wilhelm Lehmbruck und Auguste Rodin, wie lebensnah die Werke nach wie vor sind. Dabei bringt das Duisburger Haus seine ganze Kompetenz ein: Als Spezialmuseum für Skulptur besitzt es selbst eine Vielzahl an Werken dieser Zeit. Und es beherbergt einen Großteil des Werkes von Wilhelm Lehmbruck.

Lehmbruck und Rodin – das ist Weltklasse. Der wichtigste deutsche Bildhauer des frühen 20. Jahrhunderts trifft in seinen Werken auf den bedeutendsten Bildhauer jener Zeit in Frankreich, flankiert von Zeitgenossen wie Archipenko, Brancusi oder Camille Claudel. Einziges Sujet der Ausstellung ist der Mensch, und schon anhand der beiden Künstler, die jeder auf seine Weise „nach der Natur“ arbeiteten, wird deutlich, wie weit das Spektrum der Ausdrucksmöglichkeiten ist und wie sehr Emotionalität, Spiritualität oder Innigkeit als plastische Kunst vermittelt werden kann.

Wilhelm Lehmbruck (1881-1919) wurde in Meiderich geboren und hat sein künstlerisches Selbstverständnis im Rheinland ausgebildet. Von 1910 bis 1914 hielt er sich in Paris auf, wo er auch Rodin kennenlernte. Lehmbruck ist dem Expressionismus in der Skulptur zuzurechnen, nach dem Ersten Weltkrieg konzentriert er die Darstellung des Menschen auf Trauer und Verzweiflung: Die Körperglieder sind langgestreckt, bei gleichzeitiger Introvertiertheit im Ausdruck. Wo er ein Innehalten und eine gewisse Kargheit aufweist, zeigt Auguste Rodin hingegen Volumen und Energie. An der Patina seiner Bronzen reflektiert das Licht und vitalisiert die Oberfläche weiter, verleiht ihr Sinnlichkeit und ein Gefühl für Tatkraft. Nachdem er in Paris anfänglich missachtet wurde, erhielt Rodin (1840-1917) mit seiner Teilnahme an der Weltausstellung 1889 höchste Anerkennung und war fortan einer der Protagonisten der künstlerischen Avantgarde.

Tagesaktuelles Geschehen fließt nur indirekt in die Skulpturen beider Künstler ein. Sie formulieren vielmehr allgemeine Aussagen zur Befindlichkeit und zur Existenz des Menschen, mittels der Formlösung. Über die Form nähert sich die Duisburger Ausstellung dem Wesen der Werke und befragt sie anhand des Begriffs der zeitlosen Schönheit. Daraus leiten die Kuratoren mehrere Themen, aber auch Gegenüberstellungen ab und widmen sich zudem einzelnen Werken und ihrer Geschichte.

Gezeigt wird der menschliche Körper als Ganzfigur oder Torso bis hin zum Fragment. Die meisten Skulpturen sind zu umqueren. Jede neue Perspektive offenbart eine andere Ansicht. Das geht in Duisburg so weit, dass hinter Lehmbrucks „Großer Sinnender“ ein Spiegel steht, sodass Vorder- und Rückseite gleichzeitig zu sehen sind. Die wenigen in die Ausstellung integrierten Skulpturen heutiger Künstler halten sich allzu dezent zurück – aber das macht nichts: Selten vermittelten die Meisterwerke der modernen Skulptur eine solch differenzierte Schönheit.

Schönheit. Lehmbruck & Rodin – Meister der Moderne | bis 18.8. | Lehmbruck Museum in Duisburg | 0203 283 26 30

Thomas Hirsch

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