Mit dem Märchen von der sozialen Gerechtigkeit beginnt alles Ungemach. Das ist auch im Essener Grillo-Theater so und bei den ersten kulturellen Festtagen 2018 in der Stadt, wo eine Schnellstraße ganze Einkommensklassen voneinander trennt. Eine Woche im Februar suchen die Stadt und ihre Menschen nach der „Heimat als Utopie“, oder besser, was davon noch übrig ist. „Am intensivsten wird sie erlebt, wenn man weg ist und sie einem fehlt; das eigentliche Heimatgefühl ist das Heimweh“, sagt der Bielefelder Schriftsteller Bernhard Schlink. Dieses Gefühl wird 2018 die wenigsten treffen, wenn die Zeche Prosper-Haniel in Bottrop geschlossen wird und damit eine Ära, die des Bergbaus im Ruhrgebiet, endgültig verschwindet. Obwohl – eigentlich war sie schon lange weg. Noch einmal befassen sich die Festtage der Theater und Philharmonie Essen deshalb mit der in den Köpfen so fest verankerten Vergangenheit. Aber sie zeigen auch die neuen Entwürfe für die Verortungen des Nichtorts Heimat heute.
Mark Twain macht dafür den Anfang, setzt den ersten Vermessungspunkt in der Region. In seinem Märchen tauschen Prinz und Bettelknabe ihre Rollen, tauschen Armut gegen Lust und Verantwortung (17.2., 19.30 Uhr, Grillo-Theater). Volker Lösch greift in seiner Inszenierung das Tausch-Motiv auf und lässt Jugendliche aus Essen-Nord und Essen-Süd als Kinder der „gespaltenen Stadt“ miteinander um die eigentliche Heimat spielen. Dabei werden sie mit Sicherheit auf die Frage stoßen, welche Rolle Kunst und Kultur für eine neue „Heimat Ruhrgebiet“ spielen sollen und können. Die Assoziation des fast negativ besetzten Begriffs „Neue Heimat“ lassen wir hier mal beiseite, schauen wir auf die musikalischen Aspekte dieser grau-grünen Landschaft. Aber was macht die Region überhaupt so besonders und einzigartig – auch nach der Bergbau-Ära? Wer wissen will, welche Künstler sich für die Beantwortung hier Anregungen geholt haben, sollte die witzig-nostalgische Klang-Spurensuche „Inspiration Ruhrpott“ im Aalto besuchen (20.2., 19 Uhr). Zitieren wir noch Schlagersänger Wolfgang Petry, der im Ruhrgebiet sogar eine Droge sah und Essen mal „Einfach geil“ fand.
TUP-Festtage: Kunst5 „Heim Art“ | 17.-25.2. | Essen: Theater und Philharmonie | www.theater-essen.de
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