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Gunther Geltinger
Foto: Frank Schorneck

Afrika abseits der Klischees

30. Oktober 2020

Gunther Geltinger im Literaturhaus Dortmund – Literatur 11/20

„GASTfreundschaften“ lautet der Titel einer Veranstaltungsreihe im Literaturhaus Dortmund, in der Dortmunds erste Stadtschreiberin Judith Kuckart in Dialog mit Kolleginnen und Kollegen tritt – zumindest bei der Lesung mit Gunther Geltinger hätte auch der Wortteil „Freundschaften“ hervorgehoben werden können: Kuckart und Geltinger kennen sich bereits seit 14 Jahren, als der damalige Nachwuchsautor am LCB (Literarisches Colloquium Berlin) von der damaligen Werkstattleiterin unter ihre Fittiche genommen wurde. So zwanglos, locker, freundschaftlich erlebt man selten eine Moderation bei literarischen Veranstaltungen. Und so fühlt man sich auch als Zuschauer trotz der coronabedingt auf Abstand gehaltenen Sitzplätze (nur noch 20 Stühle lässt die neue Sitzordnung zu) und mit dem vorgeschriebenen Mund-Nasenschutz dennoch familiär aufgehoben.

 

Geometrie der Liebe

 

Gunther Geltinger wollte ursprünglich Regisseur werden, studierte Drehbuch und Dramaturgie in Wien und Köln. Doch der Blick hinter die Kullissen und Abläufe eines Filmsets sorgten für die Entzauberung dieses Mediums und er wandte sich der Literatur zu. Sein erster Roman „Mensch Engel“ erschien 2008 bei Schöffling, mittlerweile ist er Suhrkamp-Autor (wo auch die Taschenbuchausgabe des Debüts zu finden ist). Bevor er an diesem Abend seinen aktuellen Roman „Benzin“ vorstellt, wird der Faden des visuellen Erzählens aufgegriffen: Ein kurzer Ausschnitt aus Pasolinis „Teorema – Geometrie der Liebe“ mündet in ein Gespräch über die Rolle des Künstlers. Erst danach führt Geltinger ein in seinen Roman. Im Gegensatz zum Gespräch mit Kuckart offenbart der Vortrag Geltingers sein Stottern, das er schon in seinem zweiten Roman „Moor“ motivisch verarbeitet hat. Sein zeitweiliges Stocken an unerwarteten Stellen führt zu einem ganz eigenen Sprachrhythmus, der auf der einen Seite ein komplettes Eintauchen des Zuhörenden in die Geschichte blockiert, auf der anderen Seite aber einzelnen Wörtern, der Sprache selbst, mehr Tiefe verleiht.

 

Herz der Finsternis

 

Er entführt uns in die absolute Dunkelheit einer nächtlichen südafrikanischen Straße, auf der Alexander und Vinz versuchen, ihre Beziehungsprobleme hinter sich zu lassen. Sie führen eine offene Beziehung, man toleriert Seitensprünge des Partners. Doch diesmal ist da was anderes, diesmal sind Gefühle im Spiel, diesmal hat sich Vinz anderweitig verliebt. Man tut, was auch heterosexuelle Paare gerne zum Kitten einer Beziehung tun: Man unternimmt eine Reise. Doch der geografische Abstand lässt die Probleme nicht kleiner werden. Die Sprachlosigkeit zwischen den beiden erfährt ein jähes Ende, als der Leihwagen über ein plötzliches Hindernis rumpelt. Die Begegnung mit Unami lenkt die Reise in eine komplett neue Richtung. Das touristische Afrika verschwindet, die Fahrt wird zu einer Grenzerfahrung auf mehreren Ebenen.

 

Der Fluss als Mensch

 

Als weitere filmische Einspieler zeigt Geltinger Ausschnitte aus „Der Fluss war einst ein Mensch“ von Jan Zabeil. Er erläutert, dass ihm dieser Film, in dem Alexander Fehling als namenloser weißer Reisender in einem afrikanischen Land existenzielle Erfahrungen macht, geholfen habe, seinen Roman zu entwickeln, als er in einer erzählerischen Sackgasse gelandet war. Die Stimmung des Films, die Sprach- und Ratlosigkeit des Europäers in Gefilden ohne touristische Infrastruktur und Englischkenntnisse, greift er auf, als er Vinz von Alexander und Unami trennt und auf sich allein gestellt weiter reisen lässt.

 

Das Veranstaltungskonzept aus Gespräch, Film und Lesung geht wunderbar auf – allerdings insbesondere für diejenigen, die den Roman bereits kennen. Für diese erschließen sich neue Ebenen und Sichtweisen. Wer hingegen den Roman noch nicht kannte, mag durch die letztlich eher kurzen Lesepassagen einen arg oberflächlichen Eindruck des Buches erhalten haben. Die Vielschichtigkeit der Erzählung, das Zusammenspiel der ganz privaten Ebene aus Eifersucht und erotischem Drang hin zu existenziellen Fragen von Gewalt, Flucht und Tod wird an diesem Abend bestenfalls angerissen. Daher bleibt zum Schluss noch, „Benzin“ als unbedingte Leseempfehlung für alle, die Afrikaliteratur abseits von Klischeebildern suchen.

Frank Schorneck

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