Von Tagebuchnotizen über Ebay-Anzeigen, Facebook-Posts und Stellenaushängen bis hin zu Niederschriften von Gesprächen mit Arbeitskolleg:innen: In Slata Roschals Debütroman „153 Formen des Nichtseins“ findet sich eine Vielzahl an Textsorten. Es sind Alltags- und Selbstbeobachtungen, die in eine Prosacollage einfließen. Mit dieser fragmentarischen Form beschreibt Roschal einen Identitätspluralismus, ein Dazwischen-Sein.
Ihre Ich-Erzählerin Ksenia ist davon betroffen, wie bereits deren biografische Eckdaten signalisieren: als junge Frau, die Schriftstellerin und Wissenschaftlerin zugleich ist, als Deutsche und Russin und als Migrantin, die unter Zeug:innen Jehovas aufwuchs. So sind es auch viele, oft wiederkehrende Motive, die Roschals Buch durchziehen: die russische Herkunft der Eltern und die religiöse Indoktrinierung aus autoritärer Erziehung und rigider Sexualmoral, bis hin zum Außenseiter:innentum durch Migration oder die nicht einfache Zweisprachigkeit.
Die Autorin berichtet damit von den titelgebenden 153 Modi und der Zerrissenheit ihrer Protagonistin Ksenia, nicht „sein“ zu können – zumindest, wenn das Sein konformistisch gefasst wird. Das beginnt beim Alltag im Gymnasium, wo sie Russland als „angebliche Heimat“ anführt, obwohl sie sich an diese kaum erinnert, weil sie den Großteil ihrer Kindheit in Deutschland aufwuchs. Es ist ein dauerhafter Balanceakt, den Roschal als Kaleidoskop der Identitäten darstellt. Am 23. Juli liest die 1992 in Sankt Petersburg geborene und in München lebende Schriftstellerin aus ihrem Werk im Literaturhaus, moderiert vom derzeitigen Stadtschreiber Dortmunds, Alexander Estis.
Slata Roschal: 153 Formen des Nichtseins | So 23.7. 18 Uhr | Literaturhaus Dortmund | www.literaturhaus-dortmund.de
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