Es sind zarte Füße, die noch zerbrechlicher durch die feinen Sandalen wirken, deren Kettchen sie umschließen. Nikolaus Heidelbach hat sie mit ironischer Akkuratesse für das Cover des neuen Romans von Martin Mosebach gemalt, der den Titel „Die Richtige“ trägt. Er bezieht sich auf Astrid, eine lebenskluge junge Frau, die mit ihrem Charme das kunstinteressierte Industriellenpaar Rudolf und Beate, sowie Rudolfs zurückhaltenden Bruder Dietrich und den erfolgsverwöhnten Maler Louis Creutz rundweg bezaubert. Auf bildungsbürgerlichem Parkett, wie Vernissagen und einer Venedigreise lernt man sich kennen. Louis, der wie eine Art Doppelgänger von Lucian Freud vor allem Akte malt und für seinen erotischen Appetit bekannt ist, will Astrid unbedingt als Model auf seinem Atelierboden drapieren. Beate möchte hingegen die kluge, in ihrer Offenheit aber auch arglose Astrid mit ihrem eher unauffälligen Schwager Dietrich verheiraten.
Martin Mosebach präsentiert uns die Personen dieses Pentagramms als Akteure in einem Spiel um Macht und Erotik. Wird Beate und Louis in ihrem Unterfangen Erfolg beschieden sein und was würde das bedeuten? Es entwickelt sich zunächst ein köstlich süffisanter Gesellschaftsroman mit einer erotisch subtilen Färbung, der dann jedoch auf eine Tragödie zusteuert. Leichtes und Schweres vermag Martin Mosebach meisterhaft auszubalancieren. Sein Roman steckt voller Überraschungen, sowohl sprachlich wie dramaturgisch. Mosebachs vornehme Sätze wirken mitunter umständlich, um dann jedoch genau ins Zentrum einer psychologischen Situation zu treffen.
Martin Mosebach bleibt immer vor allem einem verpflichtet: dem Taktgefühl. Er zeichnet mit wenigen Strichen präzise Charakterporträts seiner Figuren, stellt sie aber nicht bloß und erweist sich bei aller sprachlichen Grandezza als verdammt guter Erzähler, der seiner Story mit dem richtigen Timing unerwartete Wendungen zu geben vermag. Kein Detail bleibt bloßes Ornament, dabei umschmeicheln seine Sätze die Sinnlichkeit der gegenständlichen Welt. Für alles besitzt Martin Mosebach offenbar eine Sprache. Erotik und Realität verwebt er mit einer Selbstverständlichkeit, die ihresgleichen in der deutschsprachigen Literatur sucht.
Martin Mosebach: Die Richtige | dtv | 350 Seiten | 26 Euro
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Kalter Krieg im Ruhrpott
„Weiße Westen, schwarze Nächte“ von Sabine Hofmann – Literatur 06/26
Menschen ohne Geschichte
Anna Hájková im Bochumer Fritz Bauer Forum
Träume vom Fliegen
Cécile Wajsbrot in Essen
Die Wurzeln des Islam
Mouhanad Khorchide im Essener Medienforum
Die Beste aller Welten?
Musikalische Lesung am Gelsenkirchener MiR
Lockendes Spiel
„Leichter Wahnsinn“ von Emy Koopman – Textwelten 06/26
Drei Farben zum Glück
„Zu Fuß“ von Michael Roher – Vorlesung 05/26
Nomen est omen
„Die Namen“ von Florence Knapp – Literatur 05/26
Naturforscher im Alltag
„Kinderleichte Experimente für draußen“ von Christine Sinnwell-Backes u. Timo Backes – Vorlesung 05/26
Haare zu lang, Röcke zu kurz
„Swinging Cologne“ von Stefan Winges – Textwelten 05/26
Meeresbewohner zum Anfassen
„Zusammenstecken und Entdecken: Meerestiere“ von Abigail Wheatley – Vorlesung 04/26
Neuer Bilderbuch-Klassiker
„Mit dem Sturm um die Wette rennen“ von Brian Floca und Sydney Smith – Vorlesung 04/26
Wenn Wände Ohren haben
„Engel des Verschwindens“ von Slobodan Šnajder – Literatur 04/26
Die Unendlichkeit erleben
„Liebe“ von Thomas Hettche – Textwelten 04/26
Das Glück der Stiefel
„Die gelben Gummistiefel“ von Isabel Pin – Vorlesung 03/26