Bei kaum einer Bandbiografie macht es mehr Sinn, die Kapitel einzelnen Alben zuzuordnen. Das Besetzungskarussell dreht sich bei Sodom wie bei kaum einer anderen Gruppe; insbesondere die Gitarristen wurden quasi durch die ganze Bandgeschichte fast im Jahrestakt aus den unterschiedlichsten Gründen ausgetauscht. So markiert tatsächlich fast jede Alben-Veröffentlichung eine neue Ära. Lange war neben Bassist und Sänger Tom Angelripper auch Mitgründer und Schlagzeuger Christian „Chris Witchhunter“ Dudek eine Konstante in der Band, der entsprechend viel Würdigung in der ersten Hälfte des Buches erfährt – ohne dass verschwiegen wird, wie sich sein Abschied von der Band langsam mit immer größeren Problemen ankündigte.
Zeugen und Archive
Eine weitere starke Leistung des Autors Holger Schmenk ist, wie sichtbar viel Rechercheaufwand in das Buch geflossen ist. „Auf Kohle geboren“ kreist verständlicherweise viel um die Person Thomas „Angelripper“ Such, doch ist es keine Personen-, sondern eine Bandbiografie. Als Quellen zieht Schmenk (ehemalige) Bandkollegen heran, Musikerkollegen aus dem In- und Ausland, Produzenten, Kneipenbesitzer und -gäste; er durchwühlte obskure, schwarzweißfotokopierte Fanmagazine aus den 80ern und diverse Bildarchive. Dieses Handwerk versteht Schmenk bestens – als promovierter Historiker und als Autor weiterer Werke zur Geschichte der Metal-Szene im Ruhrgebiet.
Respekt vor Privatem
Bei dem großen Personeninventar kann man als Leser aber auch schon mal durcheinanderkommen, insbesondere wenn diese auch noch unter Künstler-, Spitz- und bürgerlichem Namen firmieren. Teilweise setzt der Autor auch ein gewisses szene-internes Wissen voraus, was er bei der Zielgruppe des Buchs aber auch getrost machen kann.
Insgesamt bewegt sich der Ton des Buches in dokumentarischer Distanz. Persönliche Dramen werden respektvoll nicht ausgebreitet. Die vielen Saufgeschichten und anderen Eskapaden könnten hier und da etwas mehr Lockerheit und Erzählfreude vertragen. Definitiv informiert „Auf Kohle geboren“ gründlich über die zahlreichen Wege der legendären Band.
Holger Schmenk: Sodom – Auf Kohle geboren. Die offizielle Bandbiografie | 341 Seiten | Index Verlag | Hardcover 30 Euro
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Die Unendlichkeit erleben
„Liebe“ von Thomas Hettche – Textwelten 04/26
Queer im Holocaust
Anna Hájková im Fritz Bauer Forum
Das Glück der Stiefel
„Die gelben Gummistiefel“ von Isabel Pin – Vorlesung 03/26
Auf den Spuren des Honigs
„Ivy und Bärlock Holmes. Fall 1: Die rätselhafte Blume“ von Kristyna Litten – Vorlesung 03/26
Beziehungen
„Du findest mich, wenn du willst“ von Lavinia Branişte – Literatur 03/26
Ein Buch zum Erinnern
Kuku Schrapnell im Literaturhaus Dortmund
Atem eines großen Erzählers
„Wintermythologien“ von Pierre Michon – Textwelten 03/26
Unwiderstehlicher kleiner Drache
„Da ist besetzt!“ von Antje Damm – Vorlesung 02/26
Schmunzeln und Mitgefühl
„Opa Bär und die Schuhe im Kühlschrank“ von Anne und Paul Maar – Vorlesung 02/26
Glück und Unglück
„Niemands Töchter“ von Judith Hoersch – Literatur 02/26
Exzentrik kann zärtlich sein
„Mitz. Das Pinseläffchen“ von Sigrid Nunez – Textwelten 02/26
Bewusst blind vor Liebe
„Mama & Sam“ von Sarah Kuttner – Literatur 01/26
Beziehungen sind unendlich
„Schwarze Herzen“ von Doug Johnstone – Textwelten 01/26
Jenseits des Schönheitsdiktats
„Verehrung“ von Alice Urciuolo – Textwelten 12/25
Nicht die Mehrheit entscheidet
„Acht Jahreszeiten“ von Kathrine Nedrejord – Literatur 12/25
Was nur schiefgehen kann
Markus Orths im Literaturhaus Dortmund – Literatur 03/26