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In Kafkas „Verwandlung“ verpuppt sich Gregor Samsa
Foto: Presse

Gregors Verpuppung

24. November 2016

„Die Verwandlung“ am Schauspielhaus Bochum – Theater Ruhr 12/16

Gregor Samsa taucht einfach ab. Kopf voran verschwindet er in dem Bild der Frau im Pelzmantel, das er sich aus einer Zeitschrift herausgerissen hat. Er durchbricht die Oberfläche, stürzt wie Alice durch einen Wonderland-Tunnel im Bühnenboden und kommt in einem Park wieder heraus. Und dort ist sie endlich: Die Frau seiner Sehnsucht, deren Pelzmantel farblich so wunderbar zu den toten, abgefallenen Blättern des Herbstes passt.

Am Schauspielhaus Bochum hat der Protagonist aus Kafkas berühmter Erzählung „Die Verwandlung“ alle käferigen Merkmale abgestreift; keine haarigen Beinchen, die zappeln, kein Panzer, auf dem man hilflos liegt. Gregor Samsa hat ein ganz anderes Problem: Er verpuppt sich ständig. Im wahrsten Sinn des Wortes. In Jan Christoph Gockels Inszenierung hat Samsa gleich zwei verschieden große Puppendoubles, die seine Züge tragen. Vater, Mutter, Schwester Grete und der Prokurist immerhin noch eins. Das ist insofern ein genialer Schachzug, weil darüber nicht nur die Auflösung der Identität sichtbar wird, sondern auch die Dissoziation von Körper und Persönlichkeit.

Der Mahlstrom des Alltags ist unerbittlich, jeden Morgen wacht der verpuppte Gregor Samsa schreckensgepeinigt auf und tapert um die Drehbühne - bis er eines Morgens einfach liegenbleibt: Als Mensch (Nils Kreutinger) im Puppenbett. Die Welt ist entweder zu groß oder zu klein, mal bedrängend, mal beengend. Die Familie sitzt am Frühstückstisch rechts und links an der Bühnenkante (Real- und Miniaturversion) und versucht trotzdem, Ordnung zu bewahren. Doch Normalität herrscht hier nirgends, die mondän-asthmatische Mutter (Katharina Linder) baggert den bieder-phantastischen Prokuristen (Michael Pietsch) an, der nach Pan Tau aussieht. Der Vater (Uwe Zerwer) holt trotz angeblicher Armut mehrere Geldkoffer hervor. Grete (Luana Velis) schwankt zwischen treusorgender Schwester, oversexter Demagogin und einem Alice-Alter Ego, das in verpuppter Version mit dem Prokuristen eine wilde Nummer im Untergrund schiebt.

Gockels Inszenierung vernachlässigt zwar die Handlung der Erzählung nicht, nutzt sie jedoch zu einem assoziativen Parforceritt. Der filmische Expressionismus der 1920er Jahre, die surrealen, phantasmagorischen Masken von Mutter und Tochter. Wenn der Vater als Dienstmann auftritt, ahnt man den NS-Terror. Lewis Carroll ist nicht weit oder die Psychoanalyse, wenn Samsa narzisstisch mit seinem eigenen Puppen-Ich flirtet. Schließlich zieht sich Gregor in einen wattierten Poncho (Kostüme: Amit Epstein) in den Salon zurück, während die Familie über seine Entsorgung berät. Ein wildes Apfelbombardement des Vaters gibt ihm fast den Rest. Es liegt ein Moment des Unbegreiflichen und Plötzlichen über der Szene, das zwischen märchenhaft und Horror changiert und nie restlos aufzulösen ist. Nach dem Tunnelsturz kehrt Gregor schließlich wieder unversehrt zurück, in eine unbewegliche Welt, in der seine Familie sich komplett verpuppt hat. Unbeweglich und starr sitzen sie auf dem Bett, die Holzstäbe ins Hirn gebohrt – bereit, als Marionetten bedient zu werden.

„Die Verwandlung“ | R: Jan Christoph Gockel | 6., 17.12. 19.30 Uhr, 25.12. 18 Uhr, 31.12. 17 & 19.30 Uhr | Schauspielhaus Bochum | 0234 33 33 55 55

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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