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Fury In The Slaughterhouse geschlossen auf der Bühne
Foto: Frank Schorneck

No Time to Wonder

21. Juni 2022

Fury In The Slaughterhouse und Selig in Mönchengladbach – Musik 06/22

Es ist die Zeit der runden Bandjubiläen, die dank Corona unrund laufen. Skunk Anansie feierten in diesem Frühjahr ihre „celebrating 25 years“-Tour mit nahezu 3 Jahren Verspätung. Therapy? benannten ihre Tour von „So much for the 30 year plan“ zunächst in „… 31 …“, dann „… 32 …“ um, und die Hannoveraner Fury In The Slaughterhouse wollten ihr 35-jähriges Jubiläum eigentlich 2020 feiern. Nachdem die Band im vergangenen Jahr mit ein paar Strandkorbkonzerten wenigstens ein wenig Live-Feeling verbreitete, konnte nun wieder – im Sommer vor der nächsten absehbaren Corona-Welle – ein richtiges Rockkonzert gefeiert werden.

35 Jahre Fury – wer die Bandgeschichte ein wenig kennt, merkt, dass da ein wenig Schummelei im Spiel ist. Schließlich hatte sich die Gruppe im Jahr 2008 aufgelöst und erst, nach ein paar „einmaligen“ Gigs, 2017 wieder offiziell zusammengefunden. Aber was zählt, ist das Gefühl der Fury-Fans der ersten Stunde, die mit den alten Songs in ihre Jugend katapultiert werden. Von daher passen die 35 Jahre gefühlt sehr gut.

Von Ewigkeit zu Ewigkeit

Doch den Anfang am frühen Abend im sich langsam füllenden Gladbacher Hockeypark macht eine andere Band, die sich ebenfalls nach großen Erfolgen in den 1990ern eine rund zehnjährige Pause gegönnt hatte. Selig, die Band um den charismatischen Frontmann Jan Plewka, durften in einem rund 45 Minuten langen Set einen repräsentablen Querschnitt durch ihre Diskographie bringen. Mit „Schau schau“ und „Sie hat geschrien“ eröffneten sie rockig um dann mit „Myriaden“ den Titelsong ihres aktuellen Albums zu spielen. Es bleibt der einzige neue Song, ansonsten setzt man auf eine Auswahl, die auch dem Großteil der Fury-Fans bekannt sein dürfte. Das Greatest-Hits-Konzept ist vor „fremdem“ Publikum ohnehin klug, aber dürfte auch der Tatsache geschuldet sein, dass „Myriaden“ nicht an frühere Platten heranreicht. „Ist es wichtig?“, „Wenn ich wollte“ oder „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“ werden ebenso gefeiert wie die Ballade „Ohne Dich“. Und beim Abschlusssong „Wir werden uns wiedersehn“ aus tausenden Kehlen kann man heraushören, dass viele bei der bald anstehenden, und ebenfalls mehrfach verschobenen, Selig-Tour tatsächlich dabei sein werden.

Every Generation Got It’s Own Disease

Fury in the Slaughterhouse hingegen starten mit „Good Day to Remember“, einem Song vom 2021 erschienenen Album „Now“, was inhaltlich schön den Bogen spannt, bis das Konzert irgendwann in „Won’t Forget These Days“ münden wird. Dazwischen gibt es einen Best-of-Mix der vergangenen Jahrzehnte. Schon sehr früh kommt mit „Radio Orchid“ einer ihrer größten Hits, den müssen sie sich nicht aufsparen, denn das Publikum geht von Beginn an mit, ist textsicher und sangesfreudig. Die Wiedersehensfreude ist auf und vor der Bühne deutlich spürbar. Fury liefern eine runde Show für die ganze Familie, ohne viele musikalische Ecken und Kanten, aber mit einer riesigen Spielfreude. Während bei Selig eindeutig die Rampensau Jan Plewka im Mittelpunkt steht und selbst ein begnadeter Gitarrist wie Christian Neander meist mit geschlossenen Augen im Hintergrund bleibt, präsentieren sich Fury viel mehr auch optisch als Einheit. Natürlich nutzt auch Kai Wingenfelder den Steg, der ins Publikum ragt, und begibt sich sogar für einen Song ins Publikum, aber immer wieder gibt er den übrigen Bandmitgliedern reichlich Raum, sei es Bruder Thorsten Wingenfelder an Gitarre und Gesang oder Multiinstrumentalist Gero Dmek.

Jenseits der Strandkörbe

Wingenfelder betont, wie toll es sei, endlich wieder vor Publikum zu spielen, das sich nicht in Autos oder Strandkörbe verteilt – und weil bei den letztjährigen Strandkorbkonzerten mit der gefühlt „15 Meter hohen“ Bühne der Schlagzeuger nicht zu sehen war, darf auch Rainer Schumann auf den Steg und sich seinen Applaus abholen. Christian Decker am Bass sorgt unauffällig für das Grundgerüst und Gitarrist Christof Stein-Schneider findet offensichtlich Gefallen an einem Junggesellinnen-Abschied in den vorderen Reihen, dem er regelmäßig mit „Stößchen“ zuprostet. Natürlich werden selbstironisch Späße über das Altern gemacht, vor allem aber solider Rock gespielt. Mit „Kiss The Judas“ oder „Every Generation Got It‘s Own Disease” schneiden Fury auch ernste Themen an – bei letzterem leuchten im Bühnenhintergrund Schlagworte von Charkiv bis Hanau, von Aids bis Covid-19 auf und belegen eindrücklich, dass der Song tatsächlich auch nach Jahrzehnten nichts von seiner traurigen Aktualität eingebüßt hat. Die Lightshow ist stimmig und gut auf die Tatsache abgestimmt, dass es bis Konzertende einfach nicht wirklich dunkel wird. Der strahlend blaue Himmel gibt die beste Kulisse für dieses Konzert ab. Nach rund 90 Minuten läutet „Time To Wonder“ das Ende des regulären Sets ein. Die Hymne „Won’t Forget These Days“, die den zweiten Zugabenpart beschließt, wird vom Publikum traditionsgemäß aufgegriffen und der Refrain so lange weitergesungen, bis es in eine dritte Zugabe mündet. Weil zum wirklich allerletzten Stück „Down There“ noch immer keine Sterne am Himmel auszumachen sind, sorgen tausende Handylichter für ein wenig Sternenfunkel im immer noch nicht dämmrigen Areal.

Das Stadion leert sich und die Crew beginnt mit dem Abbau, doch „Won’t Forget These Days“ schallt immer noch laut aus zahlreichen Kehlen. Vor der Bühne zeigt sich die Band noch einmal sichtlich gerührt zu einer letzten Verbeugung.

Im Nachtrag noch eine kritische Anmerkung zum Sparkassenpark Mönchengladbach: Die Getränkestände waren gut besetzt und gut organisiert, auch in den Pausen kam es zu keinen unzumutbaren Schlangen. Dass die Preise für Bier und Softdrinks überall in die Höhe schießen, daran muss man sich wohl gewöhnen, aber dass man tatsächlich vier Euro für 0,4 l Wasser aufruft, ist unverschämt. Die Preisgestaltung macht auch für die jungen Zielgruppen das Bier weit attraktiver als Nicht-Alkoholisches.

Frank Schorneck

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