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Wer ist Frank, wer ist Rita? Alles ein Spiel mit den Identitäten
Foto: Christian Clarke

Bewegung ins Binäre bringen

09. Dezember 2019

„Frank & Rita“ von Foteini Papadopoulou am 5.12. im Maschinenhaus, Essen – Tanz 12/19

„Meshes of Afternoon“ war einer dieser Filme Maya Derens, in denen plötzlich alles in Bewegung gerät. Das beginnt beim Eintritt in die eigenen vier Wände, als sich der Schlüssel selbstständig macht. Und es geht im Interieur munter weiter: ein Messer, das wie von Geisterhand in Brot schneidet oder Windzüge, die sich gespenstisch in den Vorhang wölben. Waltete das Unheimliche in diesem einflussreichen Experimentalwerk von 1943 noch in surrealistischer Manier in den Alltagsdingen, so rang die Avantgardefilmerin drei Jahre später, in „Ritual in Transfigured Time”, das Vexierspiel direkt den Körpern ab.

Tanz und Bewegung sollten die Frage von Identität neu aufrollen. Für dieses Projket häufte Deren ein Konvolut aus Schriften und Skizzen an. Diese nahm die Choreographin Foteini Papadopoulou zum Ausgangspunkt der Tanz-Performance „Frank & Rita” in der Maschinenhalle. Doch Papadopoulou schickt gleich vier Tänzer*innen auf die Bühne, um in ihrer Versuchsanordnung einen Gender Trouble zu entfächern, in denen ein Mit- und Nebeneinander ohne Zuschreibung von Geschlechteridentitäten aufscheint.

Das binäre Schema „Mann trifft Frau” wird aufgesprengt. So bedienen sich die vier Performer*innen Rosalind Masson, Anca Huma, Alejandro Russo und Keisuke Mihara etwa immer wieder an den Garderobenstangen, um in neue Fummel zu schlüpfen. Oder sie schmettern in den bunten Klamotten einen gute Laune-Song, der den „perfect body” verneint und empfielht, abstrakte Konzepte zu objektivieren.

Konkret setzt das am besten der Tanz um: Bewegung als der Motor aller Veränderungen, wie es im (akademisch unterfütterten) Begleitheft von Papadopoulou und Dramaturgien Florence Freitag heißt. Die Regisseurin hat bewusst nicht die filmische Vorlage von Deren gesehen, sondern einzig auf die Schriften zurückgeriffen. So skeletiert die Bühnenvorlage das avantgardistische Vorbild auf drei Elemente: den Klangteppich (Musik: Lukas Tobiassen) der es unheimlich klimmpern, heulen oder zischen lässt. Schließlich auf den Raum, darunter auch Requisiten wie Staubsauger, Wäscheständer, Leiter – die surrealistischen Vexierbilder Derens –, die wiederum schnell zu Bestandteilen des Elements Bewegung werden. Ein Holzrahmen wird immer wieder um- oder enger gerückt. Um aus dem Rahmen zu fallen? Oder um später bei einer Art Pas de deux mit Sitzgelegenheit zwischen den Stühlen zu harren? Die Bewegungsforscherin Papadopoulou inszeniert auch ein zuweilen sperriges Tanz-Traktat.

Benjamin Trilling

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