Bochum, 11.12.12. - Dass Politiker ihre Grenzen überschritten haben, war ein Fazit der Tagung „Fußball und Fans“ an der Ruhr-Universität Bochum. Geplant und durchgeführt wurde diese Veranstaltung vom Lehrstuhl für Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft unter der Leitung von Prof. Dr. Feltes. Thomas Feltes hatte sich bereits im Vorfeld auf diversen Medienplattformen kritisch gegenüber der Verteufelung der Fußballfans geäußert und zu nüchterner und besonnener Berichterstattung aufgerufen. Bisweilen scheint dies auch Früchte zu tragen, doch der Grundtenor der Medien geht noch immer dahin, dass die Fußballstadien ein rechtsfreier Raum für Krawallbrüder, Zündler und Rassisten ist und daher dringend restriktive Maßnahmen ergriffen werden müssten. Diese Berichterstattung hat sich in den vergangenen Wochen die Öffentlichkeit geprägt, weshalb in Online-Foren, Kommentarbereichen und Fernseh-Shows auch von Fußballuninteressierten eben diese Meinung geteilt wurde. Innenminister der Länder und des Bundes drängten daher die DFL, Ordnung in das Chaos zu bringen, andernfalls würden die Stehplätze verboten und Polizeieinsätze den Vereinen in Rechnung gestellt. Die DFL legte den Vereinen ein neues Sicherheitspapier zur Abstimmung vor. Fans, insbesondere die Ultras, fühlten sich übergangen und sahen durch die neuen Bestimmungen die Fußballkultur zerstört. Sie protestierten und schwiegen in den Stadien, um die Absegnung des Papiers am 12.12. zu verhindern. Dass die Tagung an der Ruhr-Uni jedoch genau auf diesen Tag fiel, war Zufall. Bereits ein Jahr im Vorfeld war sie geplant worden.
Als Professor Feltes die Tagung einleitete, betonte er, dass die Thematik nun zwar erstmals wissenschaftlich untersucht werden soll, dies jedoch keine objektive Wahrheit bedeute. Wissenschaft sei ungleich Wahrheit. Dennoch sei die wissenschaftliche Untersuchung der Fankultur in Deutschland ein wichtiger Schritt, da es bislang kaum empirische Daten zu dieser in ihren Aktionen gebe. Festhalten wollte Feltes direkt zu Beginn, dass die Stadien in Deutschland sicher seien, in ihnen sich kaum Gewaltszenen abspielten, Gewalt eher außerhalb der Stadien zu finden sei. Auch das Verwenden der in letzter Zeit oft gescholtenen Pyrotechnik - in der Debatte für die meisten das Fußballverbrechen schlechthin - sei kein Gewaltakt, vielmehr ein Verstoß gegen das Gesetz. Die Stigmatisierung der Fans als Gewalttäter sei also ein großer Fehler, zumal einige Fans dieses Etikett in schlimmster Konsequenz dann annähmen und auslebten. Auch das Sicherheitspapier mit seinen 16 Forderungen hielt Thomas Feltes für einen Fehler. Viele dieser Forderungen seien bereits in den Stadien umgesetzt worden. Die neue angedachte zentrale Handhabung bei gesetzwidrigem Verhalten der Fans sei unangemessen. Wichtiger sei die regionale Anpassung und die Zusammenarbeit mit der Stadt und dem Verein. Auch die Verringerung des Kartenkontingents für Gäste bei "Problemspielen" sei unsinnig. Sie fördere vielmehr das Entstehen kleinerer Fangruppen inmitten „gegnerischer“ Fanblöcke. Die nicht in das Sicherheitspapier aufgenommenen Forderungen des Bundesinnenministers, Stehplätze abzuschaffen und Polizeieinsätze in Rechnung zu stellen, bezeichnete Feltes als Unfug. Dies entbehre jeglicher rechtlichen Grundlage. Enttäuscht war er allerdings von der DFL und dem DFB, die wissenschaftliche Arbeit zur Fankultur nicht zu unterstützen, und war umso mehr erfreut, dass 50% der Tagungsteilnehmer Vertreter der Polizei sind.
In 7 Panels wurden in der Folge unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten Problemfelder und Lösungsmöglichkeiten in der Fußballkultur vorgestellt. Sozialwissenschaftler legten Ansätze dar, wie das Gruppengefüge der Ultras funktioniert, Fanbeauftragte berichteten von ihren eigenen Erfahrungen, Rechtswissenschaftler zeigten an Beispielen die Rechtmäßigkeit angesetzter Strafen wie beispielsweise gegen die Dortmundfans nach dem Spiel in Sevilla, und Kriminalbeamte sprachen über die Ausbildung szenekundiger Beamter. Die Vorträge zeigten, dass bereits viel Arbeit in die Verbesserung im Umgang mit bestehenden Problemen investiert wurde, aber noch Forschungs- und Handlungsbedarf besteht.
Bei der abschließenden Podiumsdiskussion nahmen der Leiter der Koordinationsstelle Fan-Projekte Michael Gabriel, der Sicherheitsbeauftragte der DFL Hendrik Große Lefert, Marco Noli von der Arbeitsgemeinschaft Fananwälte und Bernhard Witthaut, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, teil und äußerten sich zu dem nun abgesegneten neuen Sicherheitskonzept aus ihrer Sicht. Noli warf der Politik vor, mit ihren Forderungen unseriös zu handeln, der DFL, vor der Politik mit ihrem Sicherheitspapier in die Knie gegangen zu sein. Witthaut vertrat die Meinung dass die Diskussion sinnvoll war und ist, da Fanübergriffe auf Polizisten bei An- und Abreise noch immer zum Alltag gehörten. Die Vereine sollten sich klarer von dieser zugegebenerweise kleinen Minderheit distanzieren, die Fans seien nun auch in der Eigenverantwortung, ihr Gewaltproblem zu lösen. Gabriel dagegen forderte von der Polizei bei Spieltagen mehr Zurückhaltung. Die Vergangenheit habe gezeigt, dass Dialog mit professionellen Fan- und Sicherheitsbeauftragten ein gutes Konzept gegen Gewalt ist. Lefert betonte die fanfreundlichen Strukturen in Deutschland und glaubte, dass trotz medialer Überhöhung die Entwicklung in und um die deutschen Fußballstadien in Zukunft eine positivere sein wird und sowohl Polizei, Vereine als auch Fans in Zukunft aus ihrer Erfahrung heraus besser zusammenwirken werden.
Ligapräsident Rauball zum Sicherheitspapier Foto: Lisa Mertens
Den Abschluss der Tagung nahm Ligapräsident Rauball, selbst ein Absolvent der Ruhr-Universität Bochum, vor. Er stand zu der Notwendigkeit des Sicherheitskonzeptes. Pyrotechnik, Gewalt und Rassismus seien zu bekämpfen, damit an den Wochenenden ein Fußballfest ohne Risiko stattfinden könne, wie es in der Regel Woche für Woche auch der Fall sei. Und er machte ganz klar: Die DFL habe nun gehandelt, nun müsse ein für allemal Schluss sein mit den unglaublichen Forderungen seitens der Politik.
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