Eigentlich war 2013 ein relativ ruhiges Jahr. Es war das Jahr des Edward Snowden und des Joseph Aloisius Ratzinger. Von Flüchtlingsflut war keine Rede. Dennoch hat der Fotograf Andreas Langfeld in dem Jahr sogenannte „Illegale“ besucht, also Menschen, deren Aufenthaltsstatus in Deutschland „nicht anerkannt“ ist. Entstanden ist eine Dokumentation, die gerade im Schaufenster des Ostwall Museums ausgestellt wird. Auch wenn diese Gruppe nicht mehr so ganz das brennende Problem der Regierenden ist, hat diese Serie etwas Allgemeingültiges behalten, wenn auch die Leere auf den 335 Bildern 2016 etwas irritiert. „Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so eine einfache Weise zustande wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustande kommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Pass niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.“ Dieses Zitat aus Bertolt Brechts „Flüchtlingsgesprächen“ hat Langfeld der Serie „Status“ als Kommentar hinzufügt. Es ist 55 Jahre alt und scheint die Zeiten sehr einfach zu überbrücken.
Zu den Menschen, die natürlich nie illegal sein können, gehörten damals auch Aktivistinnen und Aktivisten des „Refugee Strike“ in Berlin oder Geflüchtete im Hamburger Kirchenasyl. In Berlin begleitete Langfeld mehrere Wochen lang Geflüchtete, die mit Demonstrationen, einem Camp auf dem Oranienplatz und einem Hungerstreik vor dem Brandenburger Tor grundlegende Rechte für sich einforderten. Es hat damals viel Aufsehen und Sympathie in der Hauptstadt erzeugt, heute ist die Stadt wesentlich voller. Im Zentrum der Ausstellung steht aber eine Hamburger Fotosequenz, die den Ghanaer Habibi beim Boxtraining zeigt. Er fand Zuflucht im „Lampedusa“-Kirchenasyl. Er schien 2013 zumindest etwas positiv in die Zukunft zu blicken. Seine Mitbewohner pendelten eher zwischen Langeweile und Kirchenbankschlafstatt.
Noch einmal in die Hauptstadt. Was ist aus der Bühne des „Refugee Tribunal against Germany“ geworden, bei dem Geflüchtete aus verschiedenen Ländern auf dem Berliner Mariannenplatz die Mitverantwortung Deutschlands an Fluchtursachen, die europäische Flüchtlings- und Asylpolitik sowie den Umgang mit Migrantinnen und Migranten in Deutschland kritisierten? Sie wurde von den Ereignissen der letzten 15 Monate überrollt. Dennoch, das Menschliche, das Ursächliche in den Gesichtern der Portraitierten bleiben gleich. Noch eindrucksvoller sind die Kinder und Jugendlichen in diesen Bildern. Sie müssen in einem aberwitzigen Schwebezustand leben. Sie sind in Deutschland aufgewachsen, fühlen sich hier zuhause, sprechen oft nicht einmal die Sprache des Herkunftslandes ihrer Eltern. Setzen Sie sich nach dem Einkauf einfach mal auf die Bank vor dem Schaufenster im Dortmunder U und blicken Sie ihnen in die Augen.
bis 12.6. | Museum Ostwall im Dortmunder U | 0231 502 47 23
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