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„Fragen an das gesellschaftliche Rollensystem“

24. November 2016

Niki de Saint Phalles Frauenbilder im Museum Ostwall – Sammlung 12/16

Regina Selter ist stellvertretende Museumsdirektorin und Kuratorin der Dortmunder Sonderausstellung „Ich bin eine Kämpferin“ – Frauenbilder der Niki de Saint Phalle. Gezeigt werden Skulpturen, Gemälde, Lithographien und Zeichnungen der franko-amerikanischen Künstlerin (1930-2002), die in den 60er Jahren durch ihre bunten Nanafiguren bekannt wurde.

trailer: Frau Selter, dauerschwangere Nanas sind keine Kämpferin, oder?
Regina Selter:
Das ist eine interessante Frage. Ich würde Schwangerschaft nicht unbedingt mit Kampf verbinden. Diesen Zusammenhang sehe ich erst einmal nicht. Eine schwangere Nana kann aber aufwühlend sein und in Frage stellen, indem sie so dezidiert und mächtig dargestellt wird. Kämpfen heißt ja nicht immer nur mit einem Gewehr schießen oder etwas zu dekonstruieren oder kaputt zu machen, bei Niki de Saint Phalle und ihren Nanas ist es eher diese Präsenz, diese Mächtigkeit, diese massive Lebensfreude.

Ihr Gesamtwerk pendelt zwischen Pop Art und Fluxus, oder ist es doch eher Dada?

Regina Selter
Foto: Privat
ZUR PERSON
Regina Selter ist stellvertretende Direktorin und kommissarische Leiterin des Museum Ostwall. Sie studierte Kunstgeschichte und Romanistik in Bochum, Wien und Paris und war freie, kuratorische Mitarbeiterin in Bildungseinrichtungen und im Ausstellungswesen. Am Museum Ostwall stieg sie 2006 als wissenschaftliche Mitarbeiterin ein, mit Leitung der Bereiche Bildung und Kunstvermittlung sowie Öffentlichkeitsarbeit. Zuletzt kuratierte sie auch die Ausstellung zu Georg Meissner.

Diese Bezüge zum Fluxus sind bei Niki de Saint Phalle einfach sehr auffällig. Einmal natürlich während ihrer Schieß-Periode oder ihrer Mitgliedschaft bei den „Nouveaux Réalistes“. Auch die Verwendung von Alltagsmaterialien und später bei den frühen Nanas, wo sie noch mit Stoff und Wollknäueln gearbeitet hat. Auch ihre erste große liegende Nana im öffentlichen Raum, die ja auch begehbar war und mit den verschiedensten partizipatorischen Angeboten verbunden war, war sehr dem Fluxus verbunden. Wobei natürlich Dada der Hintergrund bleibt.

Was ist alles zu sehen in Dortmund?
In Dortmund sind rund 110 Werke von ihr zu sehen, darunter auch frühe Gemälde, die in der Regel nicht so bekannt sind. Natürlich die Objektassemblagen, einige „Tirs“ (Schießmalerei) aus den frühen 1960ern und auch Altäre und große Skulpturen. Aber auch sehr viele Grafiken. Wir zeigen also eine große Spannbreite und Niki de Saint Phalle zum ersten Mal in Dortmund.

Und die wird gerahmt von einem umfangreichen Begleitprogramm.
Genau, in unserer Ausstellung konzentrieren wir uns ja auf das Sujet Frau / Frauengestalt. Wichtig ist uns aber durch das Begleitprogramm auch, ihre anderen medialen Auseinandersetzungen zu zeigen, ihre Kinofilme beispielsweise oder die theatralen Inszenierungen.

Was ist geblieben vom femininen Aktionismus einer Niki de Saint Phalle?
Wenn man auf das Sujet Frau / Frauengestalt schaut, kann man sehen, dass sie da sehr früh ziemlich provozierend war. Sie hat ja nicht die idyllische oder schöne gebärende Mutterschaft dargestellt, sondern, gerade wenn man die frühen Arbeiten der Gebärenden und Bräute sieht, das geht ja fast schon ins Groteske: so aufgerissen und mit Schmerz verbunden. Man sieht auch sofort, dass die Objekte in den 60ern und 70ern Fragen an das gesellschaftliche Rollensystem stellen. Ohne dass man jetzt Aussagen von ihr dazu hat oder weiß, in welchem Kontext sie damals gelebt hat, die Werke an sich drücken das aus. Sie selbst bricht mit diesem Frauenbild, auch in dem, wie sie sich verhalten hat. Sie kommt ja aus einer gutbürgerlichen, adeligen Familie mit einem sehr klaren Rollenverständnis. Ihre Vorbestimmung war zu heiraten, aber sie befragt dieses Konzept. Wir haben da sehr schöne Zitate gefunden, wo sie das damals auch sagt, dass Männer einfach ganz andere Möglichkeiten haben im öffentlichen Raum tätig zu werden. Und in dieser Auseinandersetzung hat sie immer wieder den Weg ins Öffentliche gesucht hat und nicht erst mit den Nanas.

Sondern schon mit dem Gewehr?
Es gab diesen Wechsel von der Performance zur Inszenierung. Mit den Schießbildern hat sie 1961 angefangen und hat da als Frau zum Gewehr gegriffen, was sehr ungewöhnlich war in der einer Zeit, wo den Männern dieses Instrument vorbehalten war. Aber damit hat sie sich ganz neu positioniert, hat eine ganz neue Form entwickelt, Kunst entstehen zu lassen, aber auch sich selbst als Schießende darzustellen. Am Anfang nur mit Freunden und bekannten Künstlern im Hinterhof ihres Ateliers. Aber es gab ein Medieninteresse, es fand eine gewisse Resonanz statt, und sie erreichte so ein großes Publikum. Also hat sie angefangen, sich zu inszenieren. Hat das Interesse genutzt, hat sich einen weißen Schießanzug angezogen. So ist daraus eine medienwirksame Maschinerie geworden, sie hat in Malibu geschossen, hat wie im Theater Stuhlreihen aufgestellt und sich zelebriert als feminine schießende Frau, die auch auf bestimmte „heilige“ Altäre schießt wie die Triptychen der Kirche oder ähnliche Motive.

Aber mit der Provokation und der Kunst ist es ja schwierig geworden?
Also in der Zeit war es natürlich eine absolute Provokation. Aber es sagt schon etwas aus, dass wir immer noch so begeistert sind von ihren Kunstwerken und von ihren Ideen. Das bleibt zeitlos gut und provokant und auch aktuell. Sie hat sich ja an einer sozialen Realität abgearbeitet mit den frühen Werken und hat dann mit den Nanas im Grunde genommen auch eine Vision für ein matriarchales Verständnis entwickelt. Das ist vielleicht etwas befremdlich heute und vielleicht ein Gedanke, der auch eher irritierend wirkt. Aber wir finden es wichtig, dass das mit dieser Ausstellung und diesem Titel auch gezeigt wird, dass die Nanas nicht nur als fröhlich bunte Gestalten gesehen werden, sondern dass da ein ganzes Konzept hinter steht.

Passt denn auch eine Nana vors Dortmunder U?
Ja, das fänden wir toll.

„Ich bin eine Kämpferin“ – Frauenbilder der Niki de Saint Phalle | 10.12.-23.4. | Museum Ostwall im Dortmunder U | 0231 502 47 23

Interview: Peter Ortmann

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