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Lili Fischer mit Mottentheater und Riesenschnake im Atelier in der Speicherstadt Hamburg
© VG Bild-Kunst, Bonn, courtesy Lili Fischer und Museum Ostwall, Dortmund

Schnake an der Wand

31. Januar 2019

Preisträgerin des MO Kunstpreises Lili Fischer stellt im Museum Ostwall in Dortmund aus – kunst & gut 02/19

Das Schaufenster im fünften Stockwerk des Dortmunder U verbindet zwischen Drinnen und Draußen. Es zieht den Blick an und hält auf Distanz, es betont als Vitrine die Kostbar-, ja Unberührbarkeit seines Inhalts und liefert ihn doch wie unterm Brennglas der Betrachtung aus – erst recht jetzt, bei Lili Fischers Ausstellung. Zu sehen ist, erschreckend riesig und zugleich wie selbstverständlich, die Gestalt einer Schnake. Die dünnen Glieder mit ihrem Schatten werden zur linearen Zeichnung. Auf der strahlend weißen Wand gibt der Körperbau seine symmetrische Anlage mit der transparenten Feinheit der Flügel zu erkennen. Eine skulpturale Ebenmäßigkeit geht von diesem Insekt aus, das wir ansonsten von seinem Summton und den Stichen bei Nacht kennen.

Lili Fischer betrachtet die Objekte ihrer künstlerischen Forschung vorurteilsfrei, sogar mit Sympathie. Mit ihren Skulpturen, Zeichnungen, Performances und Filmen hat sie sich wiederholt heimischen, oft häuslichen Tieren zugewandt, etwa Mäusen, Igeln, Motten, Spinnen, Fledermäusen und Nachtfaltern. Im Dortmunder U flankieren kleinformatige Handzeichnungen die Schnake, die aus Peddigrohr, Rundhölzern, Draht und Japanpapier besteht. Alles beginne mit dem Zeichnen, betont Lili Fischer im Pressegespräch: als Verfahren der Aneignung und des Freiwerdens von allem Vorwissen. Sie berichtet, wie sie in ihrem Atelier in der Hamburger Speicherstadt vor Jahren eine tote Schnake auf einem Blatt Papier seziert und dabei festgestellt hat, dass die Proportionen im Körperaufbau Taktverhältnissen in der Musik entsprächen. Dass die Schnake ja ein tänzerisches Geschöpf sei und sich mit ihren Flügeln in den Raum ausdehne.

Lili Fischer ist die fünfte Trägerin des MO-Kunstpreises, der in jährlichem Turnus verliehen wird. Er bezieht sich auf die Sammlung „Dada, Fluxus und die Folgen“ im Museum Ostwall. Die Bewegung Happening und Fluxus, begründet von George Maciunas, war mit Akteuren von Cage über Beuys bis hin zu Michael von Biel vor allem in den 1960er und 1970er Jahren aktiv. Sie verband die theatralische Vorführung mit alltäglichen Phänomenen und reinen Ideen und wollte in die Gesellschaft einwirken. Lili Fischer hat nach ihrem Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg 1978 an der dortigen Universität im Fach Ethnologie über Animation promoviert, also schon da den Bezug zum Alltagsleben hergestellt. Von 1994 bis 2013 hat sie an der Kunsthochschule als Professorin für Feldforschung und Performance unterrichtet. Grundlage ihrer künstlerischen Arbeit ist die Recherche, die sie in den hintersten Ecken des Hauses und in der freien Natur vornimmt. Die Auswertung erfolgt in den Performances, die den Vortrag mit Handlungen, oft gemeinsam mit dem Publikum, verknüpfen. Mit einer solchen Performance wurde sie 1987 zur Documenta in Kassel eingeladen, ist in vielen wichtigen Museen in Deutschland aufgetreten und hat zudem ihre Objekte und Zeichnungen ausgestellt. In Dortmund selbst hat sie ebenfalls bereits ihre Werke gezeigt – 1993 bei „Subversion des Lachens“ bei der gleichen Institution, aber nicht im selben Haus. Geblieben ist die Grundhaltung, die ihr ganzes vielschichtiges Werk zusammenhält: die Verbindung von Leichtigkeit und Präzision, vorgetragen mit Humor.

Lili Fischer – Schnakengeist | bis 31.3. | Museum Ostwall im Dortmunder U | www.museumostwall.dortmund.de

Thomas Hirsch

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