Jetzt, da diese Bilder zu sehen sind, Henri Rousseau mit seinen fiebrigen Dschungel-Gemälden lockt, bei Séraphine Louis die Blüten und Blätter in flammender Pracht über die Leinwände wuchern und die labyrinthischen Tunnel von Martín Ramírez perspektivisch in den Raum klappen: Jetzt also ist umso mehr erstaunlich, dass diese Künstler in der Geschichte der Avantgarden im 20. Jahrhunderts so selten auftauchen. Genau das ist das Thema der wundervollen Ausstellung im Museum Folkwang in Essen. Sie stellt dreizehn Künstler vor, die der Outsider-Kunst oder der Art Brut zugerechnet werden, tatsächlich keine akademische Ausbildung hatten, oft am Rand der Gesellschaft lebten, aber teilweise in Kontakt zu den progressiven Künstlern ihrer Zeit standen, ja, von diesen ermuntert wurden.
Bewundernswert ist schon, wie diese künstlerischen Einzelgänger arbeiteten: malten und zeichneten und bildhauerten und fotografierten. Manchmal scheint dieser Strom der Produktion ohne Anfang und Ende, dann wieder setzt die Kunstausübung plötzlich ein oder sie bricht abrupt ab. Oder sie lässt sich, bedingt durch die Lebensumstände, nur für wenige Jahre belegen. Aber immer liegt etwas Obsessives vor, das in der Bildfüllung, auch im Umgang mit Ornament sichtbar wird und penibel umgesetzt ist. Weitere gemeinsame Charakteristika sind der Hang zur Flächigkeit, die räumlich geschichtet sein kann, und eine jeweils streng definierte Motivik, entnommen teils dem Leben, teils der Überlieferung (der Bibel, der antiken Mythologie). Voller Innigkeit sind die Erzählungen und Geschichten so vorgetragen, dass sie aus der Zeit gefallen scheinen.
Und doch liegen Elemente vor, aufgrund deren diese Werke Aspekte des Avantgardistischen oder radikal Künstlerischen besitzen: Schließlich wurden sie doch ins Ausstellungsgeschehen einbezogen. William Edmondson, der erst mit 57 Jahren begann, Skulpturen aus Kalkstein zu schaffen, war 1937 der erste afro-amerikanische Künstler, der im New Yorker Museum of Modern Art ausgestellt hat. Seine Menschen- und Tierfiguren gewinnen aus der Verknappung, noch mit einer kleinen Verschiebung der Proportionen, eine ganz eigene Präsenz. Und Morris Hirshfield, der nach seinem Ausscheiden aus der Modebranche Bilder mit schablonenhaften, von Ornament umgebenen Figuren malte, war 1943 ebenfalls zu einer Ausstellung im MOMA eingeladen. Hingegen wurde Bill Traylor erst lange nach seinem Tod bekannt. In seinen kargen Malereien von Silhouetten schildert er das Leben als Schwarzer und Sklave um 1900 in Alabama. Als ihn ein akademischer Maler beim Zeichnen auf der Straße entdeckte, war Traylor schon ein älterer Mann. Erst von da an malte er auch auf Pappen. Aber es dauerte Jahrzehnte, bis die Museen offen genug für seine Bilder waren. Heute wird seine Kunst verehrt und auch hierzulande ausgestellt.
In Deutschland tätig waren Adalbert Trillhase, der im frühen 20. Jahrhundert vielfigurige biblische Erzählungen mit Landschafts- und Architekturkulissen kombiniert hat, und Erich Bödeker, der nach seiner Frühpensionierung als Bergmann Skulpturen – Menschen und Tiere – schuf, die in ihrer Vereinfachung an Anschaulichkeit gewinnen und Naivität mit Humor verknüpfen. Die vielleicht stillsten Werke der Ausstellung stammen von Nikifor, der auf seinen Aquarellen die Industrialisierung der Großstadt anhand ihrer Raster festhält, und von Alfred Wallis, der auf handlichen Kartons Schiffe in immer anderen Szenerien und aus verschiedenen Perspektiven erfasst hat. – Unterstrichen wird das Einzigartige der Werke dieser Künstler dadurch, dass einzelne Meisterwerke der Avantgarde unprätentiös integriert sind. Auf Augenhöhe mit Mondrian, Picasso, Brancusi machen die „Schatten der Avantgarde“ eine gute Figur.
„Der Schatten der Avantgarde. Rousseau und die vergessenen Meister“ | bis 10.1. | Museum Folkwang in Essen | 0201 884 50 00
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