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„Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“
Foto: Vincent Stefan

Der Kopf als Totalverlust

30. Mai 2018

„Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“ in Bochum – Theater Ruhr 06/18

Frauen mit Schnurrbärten und bunten Röcken (Raphaela Möst, Simin Soraya, Therese Dörr, Veronika Nickl) straucheln durch die Szenerie, während der Patient versucht, Herr seiner Sinne zu werden. Fast hatte er es geschafft und den Text „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“ der Nachwelt hinterlassen. Im Bochumer Schauspielhaus inszeniert Fabian Gerhard diese Rechtfertigung von Daniel Paul Schreber in den Kammerspielen. Es ist eine skurrile Farce zwischen Wahn und Wirklichkeit. Jürgen Hartmann spielt den gepeinigten Insassen, der sehr wohl um seine Krankheit weiß, Günter Alt den behandelnden Arzt und leichten Sadisten. Allerdings wechseln die Personen, die Schauspieler die Rollen, was manchmal die Verfolgung vergnüglich macht, das Lokalisieren des Wahnsinns in der Anstalt Sonnenschein aber schwierig.

Dass Daniel Paul Schreber der Sohn des Orthopäden und Begründer der Schrebergarten-Bewegung, Dr. Moritz Schreber war, ist hinlänglich bekannt, an seinem Text arbeiteten sich Wissenschaftler, Ärzte und Literaten gleichermaßen ab, denn Daniel Paul war trotz dieser Erkrankung Senatspräsidenten am Oberlandesgericht Dresden geworden, doch der Wahn kehrte zurück. Für immer. Fabian Gerhard rührt gewaltig in diesem Kosmos aus Stimmen, aus strahlenden Gottesbeweisen und aus logischen Argumentationen. Über allem schwebt das sehende Auge des Sanatoriums, von dem Schreber sich nicht nur Heilung, sondern auch eine Geschlechtsumwandlung erwartete, und da die Vernichtung der Menschheit von Gott bereits ins Werk gesetzt war – nun, die Halluzinationen werden handfest und diskutabel. Nervenkrank oder geisteskrank, das ist hier die Frage, und sie löst sich bis zum Schluss nicht auf, selbst Rumpelstilzchen-Zitate wischen vorbei. Choreografisch ist die Regie ganz großes Kino fast ohne Video, Gerhard fordert eine wilde Hatz über Tisch und Bänke, erschöpft bleibt man auf einem ovalen Billardtisch liegen, auf dem die Kugeln seltsam rollen, und der Soundtrack kommt live und eindrücklich (Michael Emanuel Bauer) hinter der Vertäfelung hervor gekrochen. Ein Abend voller Tiefe und Humor.

„Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“ | R: Fabian Gerhard | Fr 15.6., Mo 2.7., Fr 6.7. 19.30 Uhr, So 17.6. 17 Uhr | Kammerspiele Bochum | www.schauspielhausbochum.de

PETER ORTMANN

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