Es könnte sein, dass es einer der bestdokumentierten Natureingriffe in Europa ist, besonders schon deshalb, weil es eigentlich eine ziemlich aufwändige Renaturierung war und wohl auch noch ist. „Bisse mit Emscherwasser getauft“, diese Zeile eines Ruhrgebiets-Schlagers wäre jahrzehntelang mit schweren gesundheitlichen Schäden geendet. Heute schwingt Stolz mit, wenn auf der Kokerei Zollverein in Essen „Fotografische Positionen“ aus der Gegenwart gezeigt werden und der Titel der Ausstellung leicht international angehaucht wurde. „Beyond Emscher“ ist momentan ein echter visueller Leuchtturm (Standardbegriff im Revier), und ein hell leuchtender dazu. Jede Anreise rechtfertigt den Besuch der fotografischen Dokumentationen einer Jahrhundertaufgabe. Zu sehen sind ausgesuchte Fotoserien zwischen Industrieresten, Natur und Menschen mit frischen Genen aus aller Welt, Fotos, die wie Schnappschüsse wirken und doch oft viel Vorbereitungszeit gekostet haben werden.
Zwei Etagen werden in der historischen Mischanlage der Kokerei auf dem UNESCO-Welterbe Zollverein bespielt, schließlich wurden von 2015 bis 2022 im Rahmen des Projekts „emscherbilder“ von 17 Fotograf:innen mehr als 1.100 Fotografien geschossen. „Beyond Emscher“ zeigt zwischen den riesigen Betontrichtern über 500 Abzüge und in einer Dauer-Projektion die restlichen Bilder, der Fluss rückt dabei in den Hintergrund. Zu sehen ist ein megabreiter, menschlicher Schmelztiegel in einem Spannungsfeld zwischen Industriebrachen (beispielsweise Arwed Messmer Emscherwalk 2019), Bauernhöfen (z. B. Paul Kranzler, Drei Höfe, 2021) und einer neuen Seidenstraße (Katja Stuke und Oliver Sieber).
Eine mächtige Etage höher – jetzt können Besucher:innen in die Fülltrichter hineinschauen – zeigt Bettina Lockemann neben anderen ihre Serie „Feldforschung – Herbarium“ (2016). Pflanzen, deren Namen kaum jemand kennt (entdeckt habe ich die Breitblättrige Platterbse), wachsen hier an der Emscher am Wegesrand. Dort wohnten 2016/2017 auch die polnischen Wanderarbeiter vom Klärwerk in Dinslaken. Giorgio Morra hat ihr schlichtes Dasein unter dem Titel „Ghostworker“ belichtet. Ein Beispiel dafür, wie international vielfältig das Arbeitsleben an Emscher und Ruhr schon immer war und hoffentlich bleiben wird.
Beyond Emscher | bis 6.11. | Mischanlage Kokerei Zollverein, Essen | 0201 24 68 10
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